Ein besonderes Format: Der freie Gebetsgottesdienst
(Auszug aus „Beschenkt mit den Gaben des Heiligen Geistes – Charismatisches Christsein entdecken“, SCM R. Brockhaus 2019, S. 160–165. – Mit freundl. Genehmigung der SCM-Verlagsgruppe GmbH.)
Die Gemeinde veranstaltet einmal im Monat einen Abendgottesdienst, der so früh beginnen sollte, dass man genug Zeit für die spontanen Beiträge hat, die erfahrungsgemäß mehr Zeit brauchen als geplante Gottesdienste. Geleitet wird der freie Gebetsgottesdienst von einem kleinen Team, das aus dem Pastor und einigen von der Gemeinde berufenen Frauen und Männern besteht. Bei Veranstaltungen, die charismatische Beiträge einbeziehen, ist es wichtig, dass eine Leitung besteht, die das Vertrauen der Gemeinde besitzt und deren Art der Leitung von den Teilnehmern akzeptiert wird. Nach meiner Erfahrung sollten solche Gottesdienste nicht von einem einzelnen Leiter, sondern von einem Team geleitet werden, damit auch bei der Leitung verschiedene Charismen zum Tragen kommen können.
Zur Sammlung und Konzentration beginnt der Gottesdienst mit einigen Liedern, die allerdings aus verschiedenen Traditionen stammen sollten, damit die unterschiedlichen Generationen der Anwesenden „abgeholt“ werden.
Nach einem Gebet und einer Stille zur inneren Sammlung kündigt ein Mitglied des Leitungsteams den Gemeinschaftsteil an:
- Jeder kann ein Zeugnis geben, wenn es aus der Zeit des vergangenen Monats stammt; oder ein aktuelles Gebetsanliegen aus dem persönlichen, gemeindlichen oder gesellschaftlichen Bereich nennen. Falls jemand dabei ein Zeugnis aus vergangenen Zeiten bringen will, wird dies zumeist freundlich zurückgewiesen, weil sonst der Raum für das Aktuelle verloren geht. Jeder, der ein Anliegen weitergeben möchte, geht nach vorn. Nach einer kurzen Stille kann spontan auf das Anliegen reagiert werden.
- Nach einem Zeugnis können zwei oder drei Teilnehmer nach vorn gehen, mit dem Betroffenen danken oder für ihn beten, auch unter Handauflegung. Wenn es um Entscheidungen für den weiteren Weg geht, kann man ein prophetisches Wort erwarten, aber ebenso die Bitte um das Eingreifen Gottes. Bei einer Krankheitsnot wird meist unter Handauflegung für den Kranken gebetet.
- Die Gemeinde ist es gewohnt, dass nach einem prophetischen Beitrag eine Stille entsteht, nach der Einzelne ihre Zustimmung oder ihre Anfragen einbringen können. Entsteht keine klare Linie, muss die Leitung darum bitten, den Beitrag zurückzustellen, damit man weiter um Klarheit beten kann. Und wenn sich diese nicht einstellt, sollte man ganz davon Abstand nehmen.
- Die Versammlung ist sich darin einig, dass alle Gedanken und Anliegen, die den gewohnten Gang des Gottesdienstes verändern würden, vor und während des Gottesdienstes mit dem Leitungsteam abgesprochen werden. Ein Beispiel: Es entstand einmal während des Gemeinschaftsteils eine gewisse Unruhe, als zwei junge Leute zum Leitungsteam gingen und einige Minuten mit ihm sprachen, während die Versammlung dabei im stillen Gebet blieb. Dann erklärte jemand aus dem Leitungsteam die Situation: An der Schule der beiden jungen Leute war in letzter Zeit ein massives Drogenproblem aufgetreten, und die beiden Schüler baten die Gemeinde, dafür zu beten. Das Leitungsteam schlug vor, eine gemeinsame Gebetszeit zu halten. Die Gemeinde stand auf und betete für dieses Problem, und am Ende bezeugten drei weitere junge Leute, dass sie gern eine Zeitlang regelmäßig mit den beiden Schülern beten möchten.
Nach solchen oder ähnlichen Beiträgen wird der Gemeinschaftsteil beendet, und nach einigen Liedern gibt es eine kurze Verkündigung, die nicht immer vom Pastor gehalten wird. Wenn jemand den Eindruck hat, eine bestimmte Botschaft weitergeben zu sollen, spricht er oder sie das vorher mit dem Leitungsteam ab, sodass es auch geschehen kann, dass der vorbereitete Verkündigungsteil zugunsten des spontanen entfällt.
Nach der Verkündigung gibt es eine Gebetszeit, in der ganz bewusst charismatische Beiträge erwartet werden:
- Sie beginnt mit einer Stille von einigen Minuten, und weil es fast immer einzelne Teilnehmer gibt, die eine solche Stille nicht aushalten können und verfrüht beginnen, ist es abgemacht, dass jemand vom Leitungsteam die Stille beendet und dazu auffordert, das einzubringen, was in der Stille durch den Heiligen Geist entstanden ist.
- So kommen einzelne Beiträge: ein prophetisches Wort, Bibelworte, Lieder oder Sprachengebete, nach denen eine Stille entsteht, in der auf die Auslegung gewartet wird. Hat niemand unter den Teilnehmenden eine Auslegung, bittet jemand vom Leitungsteam, bei diesem Gottesdienst auf weitere Sprachengebete zu verzichten.
Jetzt geht die Versammlung aber noch nicht auseinander, denn zum Gottesdienst gehört eine Zeit des Austauschs:
- Vielleicht hat jemand einen Beitrag nicht verstanden und möchte eine Frage dazu stellen; oder ein anderer hatte keinen Mut, einen Impuls einzubringen, und kann das jetzt leichter nachholen.
- Oft ist es wichtig, dass jemand ein Zeugnis geben kann, was ein Beitrag bei ihm bewirkt hat.
- Dabei sollte man beachten, nicht „über“ die charismatischen Beiträge zu sprechen, sondern offen gebliebene Fragen zu klären. Das gilt vor allem für Beiträge, die Unsicherheit oder Irritationen ausgelöst haben. Dann sollte man nachfragen, wie das die anderen erlebt haben, und einen Beitrag „zurückziehen“, wenn die Unklarheiten bleiben. Es sollte allerdings selbstverständlich sein, in solchen Fällen keine verletzende oder absolute Kritik zu äußern, sondern zusammen mit den anderen im Gespräch und im Gebet danach zu suchen, was diese Unsicherheit bedeutet oder wo man auf einen falschen Weg geraten ist.
Das Leitungsteam setzt nun den Schlusspunkt. Mit einem Lied, dem Vaterunser oder einem anderen liturgischen Gebet und dem Segen wird der freie Gebetsgottesdienst abgeschlossen. Obwohl die Versammlung zweieinhalb Stunden gedauert hat, treffen sich die meisten Teilnehmer noch zu einer Tasse Tee und persönlichen Gesprächen im Foyer des Gemeindezentrums.
Dieses Beispiel eines freien Gebetsgottesdienstes kann natürlich in vielerlei Weise abgewandelt werden, je nach der Größe der Versammlung, der Prägung der Gruppe und den Bedürfnissen der Teilnehmer. Einige grundsätzliche Leitlinien sollten aber dabei beachtet werden:
- Gerade wegen der Spontaneität der Teilnehmer und der Vielfalt der Beiträge braucht ein frei gestalteter Gottesdienst eine erfahrene Leitung, in der das Charisma der Leitung und pädagogische Kompetenz zusammenwirken. Der oder die Leitenden stehen nicht über der Gruppe, sondern sollen ihr so dienen, dass sich jeder mit seinen Gaben und seinen geistlichen Impulsen beteiligen kann. Die Leitung muss aber eingreifen, wenn einzelne Charismen oder Personen dominieren, wenn die Stille fehlt oder prophetische Beiträge nicht beurteilt werden können. Das Ziel besteht darin zu lernen, so mit Spontaneität und Vielfalt umzugehen, dass das Wirken des Heiligen Geistes nicht behindert wird und gleichzeitig die Unterschiedlichkeit der Menschen und der Gaben zu einem guten Ganzen zusammengießen– so, wie das Paulus im Bild vom Leib Christi dargestellt hat.
- Beim Gebetsgottesdienst stehen naturgemäß die Gaben des Wortes im Vordergrund. Die diakonischen Gaben dürfen aber nicht ausgeschlossen werden. Vielleicht ergibt sich aus den Gebetsanliegen, dass irgendwo ein Besuchsdienst notwendig ist oder jemandem in einer äußeren Problematik geholfen werden muss. Und gerade beim zwanglosen Gespräch nach dem Gottesdienst können durch den persönlichen Kontakt Aufgaben sichtbar werden, die diakonische Gaben erfordern. Deutlicher wird der diakonische Bereich, wenn sich ein Hauskreis oder ein Gebetskreis für charismatische Erfahrungen öffnet. Denn hier ist man näher am Leben des Einzelnen, und so ergeben sich viele Ansatzpunkte für die Gaben des Handelns.
Wie kann man lernen, die Eingebungen des Heiligen Geistes wahrzunehmen?
Ich kann dazu nur meine persönlichen Erfahrungen beschreiben. Wenn ich zur Stille gekommen bin und die allgemeinen Gedanken, die einem ja ständig durch den Kopf gehen, „abgeschaltet“ habe, mache ich mir die Gegenwart Gottes bewusst. Er ist mir ja nahe und so kommt es nur darauf an, dass ich mich für diese Nähe öffne. Es kann sein, dass der Heilige Geist mir jetzt einen Impuls gibt: einen Gedanken, ein Gebetsanliegen, ein Bibelwort, einen Liedvers, ein Bild oder den Beginn eines prophetischen Wortes.
Wenn ein solcher Impuls deutlich geworden ist, frage ich mich, ob er wohl vom Heiligen Geist stammen könnte. Ich erkenne das etwa daran, ob der Impuls besonders klar ist oder sich an etwas anschließt, das vorher von anderen gekommen ist. Wenn ich die innere Gewissheit habe, bringe ich meinen Beitrag ein, und wenn ich unsicher bin, gebe ich ihn an Gott zurück und warte, ob er vielleicht auf eine andere Weise wiederkommt. Manchmal beteilige ich mich trotz einer gewissen Unsicherheit und hoffe, dass mich die anderen korrigieren, wenn es nötig ist. Immer aber ist das Gewinnen einer göttlichen Botschaft ein Prozess des Fragens und Betens – im Bewusstsein, dass Gottes Gaben in die „irdenen Gefäße“ unseres Menschseins gegeben werden.
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