„Dein Reich komme“ – Ist die GGE Teil gefährlicher „KiNC“-Netzwerke?

Eine mediale Welle

„Willkommen in der Welt charismatischer Erneuerungsbewegungen“: So beginnt am 16.12.2025 die ARD-story „Die hippen Missionare: Mit Jesus gegen die Freiheit?“, montiert düstere Musik mit Eindrücken von der MEHR-Konferenz (Gebetshaus Augsburg) und beruft sich auf Aussteiger, die „vor dem wachsenden Einfluss der Bewegungen warnen“. 

In den letzten Monaten werden unsere Medien von Berichten über „radikale Christen“ (BR, 1.4.2026) überschwemmt, die vor christlichen Influencern („Christfluencern“, ZDFheutelive, 1.11.2025) oder charismatischen Christen und Gemeinden (wie z.B. ICF München oder dem Gebetshaus Augsburg) warnen. Alleine zehn TV-Sendungen (s.u.), überwiegend von Öffentlich-Rechtlichen Sendern ausgestrahlt, zeichnen das dunkle Bild einer rechten christlichen Bewegung, die nach US-Vorbild auch im deutschsprachigen Raum nach der Macht greifen könnte und unter dem Stichwort „Reich Gottes“ eigentlich einen theokratischen Gottesstaat anstrebt. Zur Zielscheibe sind pfingstlich-charismatische, evangelikale und katholisch-charismatische Christen geworden, die Grundbegriffe des Neuen Testaments in den Mund nehmen und damit angeblich (analog zur Wahl Donald Trumps) rechtsautoritären Strömungen zur Macht verhelfen wollen.

„Dein Reich komme“:

Mit dieser Bitte aus dem Vaterunser beten Christen weltweit und konfessionsübergreifend darum, dass Jesus seine gute Herrschaft aufrichtet – schon jetzt immer mehr und dann endgültig in seinem ewigen Friedensreich. Dieses „Reich“ ist ein Raum der Liebe und Gegenwart Gottes, von „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Römer 14,17). Christen können und sollen als „Salz und Licht“ segensreich in ihre Gesellschaft hineinwirken; es geht um ein Dienen in der Welt, nicht um Macht. Im Johannesevangelium (18,36) sagt Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, und das hat er in aller Konsequenz gelebt, bis zum Tod am Kreuz. Damit hat er damals viele seiner Anhänger enttäuscht, die irdischen messianischen Erwartungen anhingen und von einer politischen Gegenmacht zu Rom träumten.

Stefan Vatter fasst das Reich Gottes im aktuellen Heft zum Apostolischen Konvent (Eine Bewegung für Reich-Gottes-Beweger, S. 5) so: „Das Reich Gottes unterscheidet sich grundlegend von den Reichen dieser Welt. Im Reich Gottes herrscht der König der Könige (Jesus Christus), keine Menschen oder Ideologien. Das Reich Gottes kommt nicht mit Waffen und Gewalt, sondern mit der Macht der Liebe und der Wahrheit (Joh 18,36ff).“

Das schwierige Verhältnis von Staat und Kirche: USA und Deutschland

Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist eine Daueraufgabe, die in der Geschichte immer wieder neu ausgehandelt und unterschiedlich gelöst wurde. Im laizistischen Frankreich ist die Trennung von Staat und Kirche seit der Aufklärung maximal; in Deutschland ist die traditionelle Zwei-Reiche-Lehre von Martin Luther prägend gewesen. Die starke Trennung von „weltlichem“ und „geistlichem Reich“ hat letztlich mit zur Katastrophe des Dritten Reiches geführt, da viele „fromme“ Theologen den geistlichen Bereich der Kirche völlig jenseits gesellschaftlicher Bereiche verorteten und das politische Feld ganz den Nazis überließen. Seither lautet die Anfrage an die Christen eigentlich eher, aus einer Weltflucht in eine gesunde Weltverantwortung hineinzuwachsen. Hier ist die Entdeckung der Reich-Gottes-Dimension in den letzten Jahrzehnten eine heilsame Entwicklung gewesen.

In den USA gibt es dazu deutlich andere Traditionen als im von Religionskriegen erschütterten Europa: Dort gab es durchaus Projekte mancher Siedlerwellen, einen „christlichen Staat“ zu errichten, die noch heute im Christlichen Nationalismus nachhallen, auch wenn in der Verfassung die Religionsfreiheit festgesetzt wurde und die Trennung von Kirche(n) und Staat strikter ist als in Deutschland. Bewegungen wie die New Apostolic Reformation streben tatsächlich eine direkte politische Herrschaft christlicher Kräfte an (dominionism). Das Seven-Mountains-Mandate, das früher dazu ermutigte, sich auch in „weltlichen“ Bereichen (Kultur, Musik, Sport …) einzubringen, anstatt sich in eine fromme Blase zurückzuziehen, wird inzwischen von der Bewegung um Lance Wallnau als Mandat zur wachsenden Übernahme der Gesellschaft gedeutet, die das Tausendjährige Reich einläuten soll. Im Umfeld der US-Präsidentschaftswahlen haben diese Ansätze unter „weißen Evangelikalen“ Donald Trump mit ins Amt verholfen.

Eine spezielle Doktorarbeit: „KiNC“-Netzwerke?

Nun gehen Befürchtungen um, dass uns in Deutschland ähnliches bevorstehen könnte und Christen aller Konfessionen in freien Netzwerken Einflusssphären aufbauen, die schwer zu überblicken sind. Im Hintergrund stehen nicht nur anstehende Landtagswahlen, sondern auch die aktuelle Dissertation „Visionen eines neuen Christentums: Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke“ (transcript Verlag 2024) von Maria Hinsenkamp, die unter dem Stichwort KiNC (= „Kingdom-minded Network Christianity“) den Versuch unternimmt, verborgene Unterstützernetzwerke sichtbar zu machen.

Dabei folgt sie einem doppelten Denkfehler:

  1. Maria Hinsenkamp deutet die christliche Vokabel vom „Reich Gottes“ durchgehend als potenziell politische, rechts(extrem) gerichtete Ambition. Wer von „Gesellschaftstransformation“ spricht oder „Gottes Reich schon in dieser Welt sichtbar werden lassen möchte“, fällt bei ihr unter das Etikett „Herrschaftstheologie“; wer z.B. Gottes Herrschaft im Lobpreis feiert oder durch Fürbitte erbittet, steht in ihrem politisierten Denkansatz unter Verdacht, damit gefährlichen Kulturkampf zu betreiben. (mehr)
  2. Sie nimmt jegliche Kontakte innerhalb der christlichen Welt mit Personen, die die ein oder andere Spielart eines US-dominionism durchblicken lassen, als Basis eines fiktiven „Netzwerkes“; dieses wird über den Kernbegriff des „Reich Gottes“ weitergesponnen und umfasst im Ergebnis die halbe fromme Welt, die nun kollektiv als potenziell rechtsextrem geframt wird. In ihrer Darstellung der „deutschsprachigen KiNC-Landschaft“ erscheinen nicht nur Stimmen wie Johannes Hartl (den sie im Zusammenhang mit dem Gebetshaus Augsburg, Eden Culture und „Deutschland betet gemeinsam“ allein 200-x erwähnt), evangelikale Dachorganisationen (Dt. Ev. Allianz) und Werke (Willow Creek, Alpha Deutschland oder Campus für Christus), sondern auch unsere charismatischen Erneuerungsbewegungen („GGE“ + „CE“). Auch unsere GGE im BEFG wird namentlich aufgeführt; Heiner Rust wird als „wichtige Schlüsselfigur der KiNC“ bezeichnet, die Braunschweiger Friedenskirche ist als eine von 12 einflussreichen Gemeinden namentlich im „KiNC-Landschaft“-Schaubild zu sehen und Stefan Vatter wird mit seinem Dienst ahelp (zum fünffältigen Dienst) ebenfalls mit großem Misstrauen bedacht. (mehr)

An dieser Liste orientieren sich aktuell Journalisten und Redakteure und wähnen sich dabei auf wissenschaftlich belegtem Boden. Kein Wunder, dass Verunglimpfungen charismatischer Aktivitäten gerade Hochkonjunktur haben, wenn man damit scheinbar dazu beitragen kann, die Demokratie zu retten.

Als GGE (im BEFG) erklären wir:

Wir verfolgen keine politische Agenda. Wir wollen Gemeinden erneuern.

Wir wissen auch (und leben es, so gut wir können), dass dies in erster Linie nicht durch unser Wirken geschieht, sondern durch den Heiligen Geist, der sich in keine Richtung drängen lässt. Und dass die Möglichkeiten einer (auch noch so vernünftigen) christlich initiierten Gesellschaftstransformation immer begrenzt bleiben werden und niemals die Wiederkunft Jesu einläuten könnten (gegen Hinsenkamps eschatologische Aufladung eines „prozessualen Millennialismus“. (mehr)

Wir folgen auch nicht dem in einigen pfingstlich-charismatischen Kreisen populären Konzept der territorialen geistlichen Kampfführung à la C. P. Wagner u.a., das Maria Hinsenkamp pauschal der „KiNC-Spiritualität“ zuordnet. Zur Begründung kennen wir keinen besseren Text als das Buch von Wolfram Kopfermann, Macht ohne Auftrag: Warum ich mich nicht an der ‚geistlichen Kriegführung‘ beteilige, das wir seit einiger Zeit auf unserer Website zum freien Download anbieten.

Wir bauen auch keine Strukturen, in denen Einzelnen als (selbst-)ernannten Propheten oder Aposteln unkontrollierte Autorität zukäme. Der bei uns geförderte Ansatz eines „fünffältigen Dienstes“ (nach Eph 4,11) führt gerade nicht in Abhängigkeiten von „Aposteln“, sondern heraus aus hierarchischen Strukturen, hinein in Teamstrukturen und geteilten Einfluss. (Wer das nicht glauben mag, ist herzlich eingeladen zu unserem nächsten Deutschlandtreffen!)

Im Übrigen feiern wir, was Maria Hinsenkamp der Christenheit im deutschsprachigen Raum mit Sorge und Tadel bescheinigt hat: Dass in den letzten Jahrzehnten viele Trennlinien verschwunden sind (zwischen Charismatikern und Evangelikalen, Protestanten, Katholiken und Orthodoxen), dass charismatische Grundanliegen inzwischen in vielen evangelikalen Bereichen aufgenommen wurden, dass sich fromme Christen nicht mehr in einer geistlichen Blase vor der Welt da draußen einigeln, sondern Gottes Segen auch in ihr gesellschaftliches Umfeld einbringen wollen, und dass endlich nicht mehr kleine Königreiche einzelner Konfessionen gebaut werden, sondern Christen sich als gemeinsamen Organismus verstehen („Netzwerk-Christenheit“), der tatsächlich nach dem „trachtet“, was Jesus uns aufgetragen hat: Gottes Reich (Mt 6,33). (mehr)

Der GGE-Leitungskreis

 

Und nun?

Diese Unterstellungen über uns und viele andere christliche Gruppierungen sind in der Welt. Wir treffen sie auch vermehrt in unseren Kollegen- und Bekanntenkreisen oder im Umfeld unserer Gemeinden an. Sie brauchen Klarstellung, damit Menschen die übernommenen Vorurteile überdenken können. Es lohnt sich, sich zu informieren und Falschbehauptungen entgegenzutreten.

In dieser Richtung sind inzwischen einige hilfreiche Medienbeiträge erschienen:

  • In einer Detailanalyse zeigt die GGE (im BEFG), dass die Thesen von Maria Hinsenkamp zu angeblichen „KiNC“-Netzwerken nicht haltbar sind.
  • In der aktuellen Serie „Dein Reich komme. Jesus an die Macht“ von Glaube und Gesellschaft im Gespräch besprechen Theologen der Universität Fribourg die TV-Dokus der letzten Monate, in denen evangelikale und charismatische Gruppen im deutschsprachigen Raum als rechtsextrem diffamiert wurden. (In der Videobeschreibung findet sich die Doku-Liste zum Nachsehen.)
  • Auf dem gge-blog unserer Schwesterbewegung GGE Deutschland (ev. Kirche) erklären Tillmann Krüger (Leitungskreis unserer GGE) und Manfred Schmidt (Leitungskreis GGE Deutschland, Buch „Hörendes Gebet“) die Auswirkungen, mit denen wir in Deutschland zu tun haben, die fundamentalen Unterschiede zum Christentum in Amerika und wie man auf verzerrende und diffamierende Berichterstattung auch als Einzelner reagieren kann. In Folge 1-3 der Interview-Reihe spricht Bob Griffing, im charismatischen Spektrum beheimateter US-Amerikaner mit langjähriger Deutschlanderfahrung, über seine Sorge um christliche Tendenzen in den USA, die konkreten Akteure und dahinterstehende Fragen nach dem Reich Gottes.
  • Manfred Schmidt hat außerdem zusammen mit Johannes Hartl (Gebetshaus Augsburg) ein klärendes Leitbild zum Reich Gottes verfasst.
  • Im Podcast „Nüchtern betrachtet“ #2 sprechen Mitarbeiter vom Gebetshaus Augsburg über die ARD-story „Die hippen Missionare: Mit Jesus gegen die Freiheit?“, in der sie und das Gebetshaus extrem verzerrt dargestellt wurden.
  • Den Buchbeitrag von Maria Hinsenkamp („Pfingstlich-charismatische Dynamiken“, in: Th. Dietz/M. Hinsenkamp, Christlicher Nationalismus in den USA) analysiert Gerrit Hohage auf seinem Blog „Tiefer glauben“.
  • Zum ähnlichen Buch „Rechter Glaube? Netzwerke und Narrative bibelfundamentalistischer Christen in Lippe“ äußert sich idea-Spektrum in Ausgabe 30/31 auf S. 9 in einem Kommentar unter dem Titel „Der penetrante Mief des Generalverdachts“ (www.idea.de).
  • Der Leitungskreis von JESUS25 hat ein grundlegendes Statement zum Verhältnis zur Politik herausgegeben.
  • Wie sich die Evangelische Allianz auf gesamteuropäischer Ebene zur Mitwirkung in der Gesellschaft und zum Christlichen Nationalismus positioniert, kann man hier nachlesen. („How Evangelicals Think Politically”, S. 4, und “Christian Nationalism and the Misuse of Faith”, S. 5).
  • Im OJC-Podcast „feinhörig“ geht es um „Gottes Reich und der Staat: Wie Christen es mit der Politik halten (sollten)“. , Teil 1: mit Manfred Schmidt (zu Entwicklungen in den USA, 16.04.2026), Teil 2: mit Gerrit Hohage (zur Situation in Deutschland, 22.07.2026).

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