„Prüft alles!“ – Spielregeln für das geistliche Feld

(Auszug aus Kerstin Wendel: „Prüft alles und behaltet das Gute – das Buch zur Jahreslosung 2025“, SCM R. Brockhaus 2024, S. 46–57. – Mit freundl. Genehmigung der SCM-Verlagsgruppe GmbH.)

„Prüft alles und behaltet das Gute“ (1. Thessalonicher 5,21)

Wie können wir vorgehen, wenn Einzelne oder Gruppen innerhalb unserer Kirche Offenheit für prophetische Rede entwickeln und geistliche Eindrücke empfangen? Anhand welcher Kriterien sollen wir diese prüfen?

Autorin Kerstin Wendel stellt sieben „Spielregeln“ vor:

1. Angemessene Gesinnung

Aus dem alltäglichen Miteinander kennen wir die Erfahrung, dass eine offene Haltung guttut. Wer kennt nicht die erwartungsvolle Vorfreude auf ein schönes Treffen? Das Rendezvous mit dem Partner oder die Einladung zu guten Freunden – mir schenken solche Begegnungen schon im Vorhinein jede Menge Vorfreude. Es wird gelacht, gefragt, nachgehakt, mitgefühlt, getrauert, geschwiegen, genossen. Wir gehen offen hinein und beschenkt hinaus. Diese Offenheit sucht Gott bei uns, wenn es um sein (prophetisches) Reden geht. Es gibt nur eine angemessene Einstellung den Wirkungen des Heiligen Geistes gegenüber – eine offene und demütige Haltung.

Wie aber bekomme ich diese Haltung? Indem ich mir bewusst mache, dass es ein riesiges Geschenk ist, wenn Gott spricht! Der große, ewige Gott macht sich immer wieder klein und verletzlich, indem er zu uns redet. Sei es durch die Bibel, sei es durch Eindrücke unterschiedlichster Art. Damals und heute. Wie erstaunlich ist das denn!!! Wer spricht, kann verstanden, aber auch missverstanden werden. Genau dadurch macht Gott sich verletzlich. Denn er muss mit unseren Fehlern rechnen – sei es beim Hören oder beim Umsetzen. Und trotzdem spricht Gott!

In den letzten zwanzig Jahren hat sich meine Haltung Gott gegenüber gravierend geändert. Ich bin einen langen Weg gegangen. Jesus lehrte mich, dass Glaube nicht nur rein verstandesorientiert gelebt werden soll. Er schulte mich darin, Kontrolle abzugeben. Ich lernte, Gottes Stimme besser zu hören.

Das habe ich nötig gehabt. Die vormals oft verschlossene und manchmal sogar hochmütige Kerstin hat sehr davon profitiert. Sie ist nicht stehen geblieben bei Argwohn, Skepsis oder Distanz ihrer jüngeren Jahre. Sie konnte sich weiterentwickeln. Die aktive Kerstin lernte passive Elemente im Glauben schätzen. Sie ist unterwegs.

Die Folge? Ich habe großen Respekt vor dem Reden Gottes. Mich macht das Hören auf Gott immer wieder demütig und dankbar. Viele biblische Personen hat das Reden Gottes auf die Knie gebracht und demütig gemacht. Es waren tiefe geistliche Erfahrungen, von denen sie später zehrten. Ich empfinde genauso. Meine Erfahrungen locken mich außerdem nach vorne – hin zu dem, was in meinem Leben noch kommen wird. Denn bei Gott geht immer noch etwas …

Prüfen braucht als Basis also unsere offene und demütige Einstellung.

2. Gemeinsam Verantwortung annehmen

Stellen wir uns vor, eine Kirche hat einen prophetischen Eindruck bekommen. Wer soll ihn nun eigentlich prüfen?

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: Unser Jahresvers schockt in dieser Hinsicht! Da steht eben nicht: „Ihr Thessalonicher, euer neuer Leiter kann alles prüfen.“ Oder: „Der Pastor prüft das alles für euch! Wenn es ihm zu schwer ist, dann lasst den Leitungskreis oder die zwei Superfrommen prüfen!“ Nein, unser Vers impliziert, dass alle prüfen sollen!

Die gesamte junge Gemeinde in Thessaloniki?! Da kommen wir vielleicht noch mit. Es waren ja keine dreihundert Personen. Aber wenn bei uns alle prüfen sollen? Der Traum von der mündigen Gemeinde? Das wäre ja schön. Aber in der Realität sind wir davon wahrscheinlich noch relativ weit entfernt. Das wühlt auf und fordert heraus.

Es bieten sich jetzt zwei Möglichkeiten: entweder diesen Anspruch erfolgreich verdrängen oder aber die Spannung aushalten. Wie geht „Verdrängen“? Indem wir das Thema zur Seite schieben. Verstand und Erfahrung sprechen dagegen. Beispielsweise so: „Wenn alle das prüfen sollen, wird das nicht funktionieren. Wie soll das gehen in einer dreihundert Mitglieder starken Gemeinde? Außerdem wird das nur Unruhe bringen. Dazu ist die Gemeinde gar nicht in der Lage. Es besteht ja auch kein Interesse. Wir haben noch andere Themen, an die wir heranmüssen.“

Es gibt aber eine Alternative: Reifer Umgang mit biblischen Wahrheiten hält die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit aus.

Lassen wir uns davon berühren, was Paulus der Gemeinde zutraut, nämlich geistliche Mündigkeit! Das ist doch stark! Wenn Ihnen etwas zugetraut wird, dann stehen Sie aufrecht. Sie sind vielleicht besonders wachsam, eventuell auch ein wenig aufgeregt. Vielleicht wachsen Sie sogar über sich hinaus. Genauso kann es hier sein: Wir wachsen, weil Gott uns das zutraut!

Wieso genießen wir dieses Zutrauen von Gott? Etwa weil wir so klug oder so tolle Christenmenschen sind? Oder gute Strukturen für unsere Gemeindearbeit entwickelt haben? Wohl eher nicht. Unsere Mündigkeit gründet sich auf den Heiligen Geist, der in jedem von uns lebt. Jesus selbst nennt ihn den Ratgeber: „Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Ratgeber geben, der euch nie verlassen wird. Es ist der Heilige Geist, der in alle Wahrheit führt“ (Johannes 14,16-17a). Ohne diesen Geist ist mündiges Prüfen undenkbar.

Natürlich hilft es, den eigenen Verstand einzusetzen und aus Erfahrungen zu lernen. Aber der Heilige Geist will beides – Verstand und Erfahrungen – durchdringen, „beherrschen“. Dann sind gute geistliche Entscheidungen möglich. In Kapitel 5 werden wir sehen, wie wir das in unserer gemeindlichen Landschaft umsetzen können. Es bleibt herausfordernd:

Prüfen geht mich und jeden Einzelnen unserer Gemeinschaft an, weil Gottes Geist in uns allen lebt.

Gebet: Jesus, ich staune darüber, was du mir, was du unserer Gemeinschaft zutraust. Es ist oft mehr, als ich uns selber zutraue. Lehre mich, meinen Anteil an dieser Herausforderung anzunehmen. Lass mich offen und demütig sein. Was für ein Geschenk, dass dein Geist mich und uns alle leiten will.

3. Echtheitstest durchführen

Wenn unsere Gesinnung stimmt und wir zum Prüfen bereit sind, wird es konkret: Es geht darum, den Echtheitstest durchzuführen. Den kennen wir von unseren alltäglichen Einkäufen. Ich nehme Sie mit in einen ganz banalen Supermarkteinkauf. Ausnahmsweise bezahle ich mal nicht mit Karte, sondern reiche der Verkäuferin einen 50-Euro-Schein. Sie schaut, prüft und hat ihn wohl für echt befunden. Jedenfalls klackt es in der Kasse, ich bekomme ein wenig Wechselgeld, meinen Bon, dazu ein freundliches „Schönen Tag noch!“.

Prüfen ist ein Prozess, der aus dem Münzwesen stammt. Durch Schmelzprozesse konnte man die Echtheit einer Münze beweisen. (Vgl. Bibl. Wörterbuch, R. Brockhaus 2014, S. 434.) Genau darum geht es auch beim Prüfen der prophetischen Rede: Ist sie echt? Kommt sie von Gott, vom Vater des Lichts? Macht sie Jesus Christus groß, oder wird ein Ersatz angeboten – eine andere Person, eine andere Autorität oder ein anderer Erlösungsweg?

Prüfen wagt den Echtheitstest: Macht die prophetische Rede Jesus groß?

4. Lupe einsetzen

Prüfen verlangt noch einen weiteren kritischen Blick: Ist der Prophet ein Nachfolger Jesu? Ordnet er sich in der Gemeinde ein und lebt er in verbindlichen Beziehungen? Wie steht es um seine Ausstrahlung? Lebt er authentisch? Spüren wir ihm ab, dass er aufrichtig mit Jesus unterwegs sein möchte und es auch ist?

Hier dürfen wir kritisch sein. Jesus selbst warnt in Matthäus 7,15-20 vor falschen Propheten: „Ihr erkennt sie an ihrem Verhalten, so wie ihr einen Baum an seinen Früchten erkennt. An Dornbüschen wachsen keine Trauben und an Disteln keine Feigen.“ (Vers 16). Das Erkennungsmerkmal sind also die „Früchte“, die sich im Leben eines Menschen zeigen.

Ist der Prophet in der Gemeinde bekannt, dann ist das Prüfen relativ einfach, denn dann kennen wir seine Früchte. Besonders aufmerksam dürfen wir werden, wenn uns jemand noch unbekannt ist. Da heißt es wachsam sein!

Prüfen geschieht wertschätzend, aber auch kritisch dem Propheten gegenüber.

5. Konsequenzen erkennen

Prüfen soll uns ins Handeln bringen. Dazu ein praktisches Beispiel aus der Apostelgeschichte, das weiter oben schon genannt wurde: Der Prophet Agabus hat einen prophetischen Eindruck, nämlich dass eine Hungersnot ausbrechen wird (Apostelgeschichte 11,28). Was machen die Christen in Antiochia nun damit? Sie prüfen das und erkennen, dass sie die Jerusalemer Gemeinde durch Hilfeleistung unterstützen wollen (Vers 29).

Wow, so einfach geht das? Anscheinend ja. Es gab kein ängstliches Fragen: „Hilfe, was kommt da auf uns und die Geschwister zu?“ Es gab kein lähmendes Denken: „Was sollen wir jetzt damit anfangen?“ Stattdessen hat der Eindruck zum Handeln motiviert. Die prophetische Rede leitete die Gemeinde hin zu einer diakonischen Tat.

Wie man die Konsequenzen herausbekommt? Wegfinderfragen helfen: Wem gilt die prophetische Rede? Was ist zu tun? Wie kann man das umsetzen? Wann sollte man es umsetzen?

Prüfen hilft, die Konsequenzen zu erkennen: ein Ziel finden, eine Tat andenken, ein Vorhaben ändern.

6. Die Bibel im Gepäck haben

Aus dem Beispiel der eben erwähnten Hungersnot lernen wir noch etwas: Ohne Bibel geht es gar nicht! Sie ist die Orientierungshilfe. Mit ihr ist es mitunter gar nicht so schwer, etwas zu prüfen. Denn wir können zurückfragen: Ist es biblisch, andere Geschwister durch Hilfeleistung zu unterstützen? Aber ja. Ein durch und durch biblisches Prinzip, zu dem wir mehrfach ermutigt werden.

Vielleicht haben wir es heute sogar etwas leichter mit dem Prüfen, als die Thessalonicher es damals hatten. Wir haben die Bibel komplett vorliegen, können uns jederzeit an ihr orientieren. Stimmt der Inhalt der prophetischen Rede mit der Bibel überein oder gibt es Widersprüche?

Prüfen braucht die Bibel – gut abgespeichert in Kopf und Herz oder als Nachschlagewerk auf dem Tisch.

7. Fehler aushalten

Und nun noch eine siebte Spielregel: „Prüft alles!“ impliziert, dass es Fehler und Missverständnisse geben kann. Das ist absolut menschlich. Allerdings unterscheiden wir uns an dieser Stelle gravierend vom Leben auf dem Fußballpatz. Dort quittiert die rote Karte, was nicht gut lief und wer disqualifiziert wird. Ende. Aus. Reservebank. Auch das kann es zwar im geistlichen Leben geben, siehe falscher Prophet. Aber allgemein ist beim Prüfen ein anderer Umgang mit Fehlern angesagt.

Zunächst zu den Fehlern: Es gibt ja rein akustische Hörfehler. Mein Bester hat nicht mehr seine volle Hörqualität. Da kommt es ohne Weiteres vor, dass Einzelheiten falsch abgespeichert werden: „Kommt unser Sohn Mittwoch oder Donnerstag zu Besuch?“ Zum Glück fragt er meistens nach. Ich kenne aber auch Höreingeschränkte, die einfach das erzählen, was sie meinen gehört zu haben. Dadurch gibt es zum Teil schwerwiegende Irrtümer, die die Kommunikation richtig belasten können.

Selbstverständlich kann es auch geistliche Hörfehler geben:

• Vielleicht ist der Hörende zu nah dran an einer Person oder Situation und bringt deshalb Menschliches mit rein? Deshalb raten beispielsweise manche Theologen dazu, das hörende Gebet zwischen einander unbekannten Personen zu praktizieren.

• Vielleicht ist Druck mit im Spiel. Dieser „fromme Druck“ ist eine der geistlichen Herausforderungen von Propheten. Er kann aus ihnen selbst oder von außen kommen! Erwartungsdruck: „Ich muss doch etwas gehört haben.“ Nein, diese Begabung beinhaltet nicht, jederzeit prophetische Eindrücke empfangen zu können. Es ist ein großes Zeichen geistlicher Reife, wenn ein Mensch ehrlich gesteht: „Ich habe heute keinen inneren Eindruck, den ich teilen kann.“ Wir erinnern uns: Die Gaben des Heiligen Geistes kann man nur auf der offenen Hand empfangen. Das schließt Druck aus.

• Vielleicht ist etwas mehrdeutig. Dazu ein biblisches Beispiel. In Apostelgeschichte 21,10f. wird ein prophetischer Eindruck geteilt, den Paulus anders deutet als die Christen aus Cäsarea. Und nun? Wir lesen, wie sie damals damit fertiggeworden sind: „Als uns [der Begleitgruppe des Paulus und den Christen aus Cäsarea] klar war, dass wir ihn [Paulus] nicht überreden konnten, gaben wir nach und sagten: ,Der Wille des Herrn geschehe‘“ (Apostelgeschichte 21,14). Letztlich erlebt Paulus das, was im prophetischen Eindruck vorher angekündigt worden war, nämlich schwere Zeiten. Die Mitchristen wollten ihn „bewahren“. Das war menschlich gesehen verständlich, aber nicht dran.

• Vielleicht ist Sünde mit im Spiel – Sünde innerhalb einer Kirche oder im Leben einer Einzelperson – und deshalb kann ein Prophet gerade nichts empfangen? Die Leitungen nach oben sind verstopft.

Es kann also Fehler geben: Vielleicht ist Menschliches, Druck, Mehrdeutiges oder Schuld im Spiel gewesen. Hörfehler oder Missverständnisse brauchen uns aber nicht zu entmutigen. Trotz unserer Fehler nimmt Gott ja nicht die Fülle seines Geistes zurück. Wir können also entspannt bleiben, denn Fehler sind im Umgang mit geistlichen Gaben der Normalfall, keine absolute Ausnahme oder Katastrophe. Das entkrampft.

Was ergibt sich daraus? Üben, üben, üben ist dran – unter der Leitung des Geistes. Aufgeben, den Kopf in den Sand stecken, Selbstzweifel pflegen, Interesse an prophetischer Rede verlieren? All das ist nicht dran. Paulus traut den Thessalonichern das Prüfen zu. Jesus Christus traut es uns zu. Sie rechnen mit unseren Fehlern. Sie rechnen auch damit, dass wir uns trotzdem weiter nach dieser Gabe ausstrecken. Was kann uns dann noch hindern?

Eine Einschränkung möchte ich machen: Wenn ein sich selbst überschätzender Prophet etwas vehement durchsetzen möchte und daraufhin Katastrophen im persönlichen oder gemeindlichen Leben passieren (wie falsche Lehren in Gemeinden, Fehlentscheidungen o.ä.), ist das schwerwiegend. So weit soll es aber gar nicht erst kommen, wenn wir unsere Jahreslosung beachten! Wer einsichtig, demütig und korrigierbar ist, für den sollte das sich Verhören und anschließende Verbessern alltäglich sein. Ein Praxistipp: Wer einen geistlichen Eindruck weitergibt, kann hinzufügen: „Ich kann mich verhört haben, aber dies möchte ich dir weitergeben. Prüfe gern, ob das ein Echo in dir auslöst oder ob es nicht passt.“

Prüfen rechnet entspannt mit Fehlern und macht zuversichtlich weiter.

Zum Nachdenken: Was denke ich über (Hör-)Fehler im persönlichen Leben bzw. im Gemeindealltag?
Wie kann ich mich, wie können wir uns als Kirche für eine barmherzige Fehlerkultur öffnen?

Paulus lädt also dazu ein, prophetische Rede zu prüfen, weil das aus seiner Sicht kein riesiges Kunststück oder eine unlösbare Aufgabe ist. Wir erinnern uns: Prophetische Rede ist dazu gedacht, aufzubauen, zu trösten, zu ermahnen, zu ermutigen. Sie soll guttun, nicht überfordern. Auch das Prüfen wird uns nicht überfordern.

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