Im Detail: Maria Hinsenkamps Konstrukt von „KiNC-Netzwerken“

Maria Hinsenkamp ist seit einigen Monaten in den Medien präsent: Ihre These von christlichen „KiNC-Netzwerken“, die auch in Deutschland den Boden für rechtspopulistische Umtriebe bereiten würden, ist Grundlage mancher TV-Dokumentationen. Journalisten finden hier scheinbar wissenschaftliche Erkenntnisse und sind oft kaum in der Lage, sich ein eigenes Bild zu machen. So manche christliche Gemeinde, Bewegung oder Person staunt dagegen nicht schlecht, in der Arbeit ihren eigenen Namen zu lesen. So ging es auch uns als GGE (Geistliche Gemeindeerneuerung im BEFG). Grund genug, einen genaueren Blick auf ihre zentralen Thesen zu werfen …

Von Frauke Bielefeldt (GGE.theologie)

Maria Hinsenkamp hat 2023 ihre Dissertation an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen eingereicht und 2024 im transcript Verlag (Bielefeld) unter dem Titel Visionen eines neuen Christentums: Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke veröffentlicht.

Ausgehend von Tendenzen vergangener Jahre in einigen charismatischen Strömungen in den USA will sie für weite deutschsprachige christliche Kreise eine „transformative Herrschaftstheologie“ entdeckt haben (S. 378 u.a.) und eine „mittlerweile breite Rezeption der Herrschaftstheologie auch in evangelikalen Kreisen“ erkennen (S. 186); entsprechend warnt sie vor einem „wachsenden transkonfessionellen Einfluss einer gesellschaftstransformatorischen Herrschaftstheologie im deutschsprachigen Bereich“ (S. 278).

Hinter verschiedenen geistlichen Schwerpunkten (bei ihr: „Visionen“, nämlich „Gebet, Jüngerschaft, Mission/Erweckung und Einheit“) sieht sie „den zentralen Bezugspunkt der gesellschaftstransformierenden und prozessual-millennialistisch gefärbten Reich-Gottes-Vision“; daher betrachtet sie es mit großer Sorge, dass sich „mittlerweile … im deutschsprachigen Raum eine transkonfessionelle Netzwerklandschaft herausgebildet“ hat (S. 282). Diese bezeichnet sie durchgehend mit dem selbstgeschaffenen Akronym „KiNC“ („Kingdom-minded Network Christianity“). Es geht ihr um „den weitreichenden Einfluss und die Schlagkraft einer gesellschaftstransformatorischen ‚Herrschaftstheologie‘ im Rahmen einer netzwerkbasierten Visionsökumene, und zwar insbesondere auch in den nicht-charismatischen Raum der traditionellen Konfessionen hinein“ (S. 263). Ihr Ziel ist es daher, „die spezifischen Charakteristika und gegenwärtigen Prozesse der transformativen Herrschaftstheologie in ihren Kontextualisierungs- und Partizipationsbestrebungen im deutschsprachigen Diskurs zu erläutern“ (S. 280).

Was damit im Klartext gemeint ist, verdeutlicht der Kurzbericht von einem Teilnehmer eines Symposium des Vereins für Freikirchenforschung, der ihren Beitrag mit den Worten zusammenfasst:

„Maria Hinsenkamp präsentierte die Ergebnisse ihrer Forschung unter dem Titel ‚Kingdom Minded Network Christianity (KiNC) als Herausforderung für etablierte Freikirchen und Zukunftsmodell des Christentums?‘. Sie beschrieb, wie neocharismatische Bewegungen den Begriff ‚Reich Gottes‘ mit weltlicher Macht verbinden und damit autoritären Tendenzen Vorschub leisten.“

Wie kann eine Doktorarbeit, die an einer theologischen Fakultät in Deutschland angenommen wurde und seitdem in den Medien vielfach aufgegriffen wird, zu solch einem Schluss kommen?

Dieser Text zeichnet ihr Vorgehen nach und beleuchtet einige hochproblematische Fehlschlüsse. Aspekte wie die Bedeutung des „Apostolischen“ und das Verhältnis zur Ökumene werden dabei nur gestreift, obwohl sie in der Arbeit größeren Raum einnehmen. (Außerdem habe ich mich redlich bemüht, Zitate durch Kürzungen nicht zu entstellen, sondern möglichst kontextgetreu einzuflechten; Fettsetzungen, auch innerhalb von Zitaten, sind von mir und dienen der Orientierung im langen Text.)


1. Der Anlass der Doktorarbeit: Neue „Phänomene“
2. Der Ansatz: „Netzwerke“ und „Visionen“
3. Die Kernbegriffe
__3.1 „Prozessual-millennialistische Gesellschaftstransformation“ und „basileianische Herrschaftstheologie“
__3.2 „agonistisches Weltbild“
__3.3 Die zentrale Zuschreibung: „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC)
4. Der Methoden-Check
__4.1 Dringende Rückfragen
__4.2 Grobe Fehlschlüsse
5. Der Reality-Check: Die behaupteten „KiNC“-Netzwerke
__5.1 Die USA
__5.2 Die „römisch-katholische KiNC“
__5.3 „Die KiNC im deutschsprachigen Raum“
6. Der Theologie-Check: Die behauptete Herrschaftstheologie
__6.1 Beispiel: Lausanner Bewegung
__6.2 Beispiel: Loren Cunningham (YwaM) und Bill Bright (CfC)
__6.3 Beispiel: John Wimber (Vineyard)
__6.4 Beispiel: Keith Warrington (YwaM)
__6.5 Beispiel: Heinrich Christian (Heiner) Rust (BEFG, CCD)
__6.6 Beispiel: Johannes Hartl (Gebetshaus Augsburg, Eden Culture)
7. Ergebnis und Ausblick

1. Der Anlass der Doktorarbeit: Neue „Phänomene“

Wie Maria Hinsenkamp schon ganz zu Beginn in ihrer Hinführung bemerkt, nimmt das Christentum „ganz neue Formen an, die sich überall auf der Welt auf ihre Weise Bahn brechen“; sie sieht ein „verwirrendes Potpourri von Formen und Botschaften“, diese „weisen auch inhaltliche und personelle Verbindungen und Synergien mit anderen Bereichen auf, zum Beispiel denen in Gesellschaft, Politik oder Kultur“ (S. 15). Ihr Ziel ist nun, „Parameter herauszuarbeiten, mit deren Hilfe sich das derzeit noch sehr undurchsichtige und komplexe Feld einfangen lässt“; ihre Arbeit „zielt darauf, bislang unentdeckte oder kaum wahrgenommene Muster und Strukturen herauszuarbeiten“ (S. 16). Ihr Anlass sind „Ereignisse aus der internationalen und nationalen christlich-religiösen Szene“, angefangen von US-Megakirchen-Pastoren auf „Lobpreisveranstaltungen und Gebetsversammlungen für den damaligen Präsidenten“ (Donald Trump, S. 16). Sie beobachtet weiter: „… auch in … Brasilien zeigen sich die politischen Entwicklungen zunehmend religiös konnotiert“ („… Besuche von Gottesdiensten, Lobpreisveranstaltungen und Gebetstreffen durch den ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro“), und fügt unmittelbar an: „Auch im deutschsprachigen Bereich lassen sich neue Phänomene erkennen, die außerhalb des Gewohnten liegen“, wozu für sie „in Deutschland … vor allen Dingen der römisch-katholische Theologe Johannes Hartl … mit seinen vielfältigen Initiativen und Aktivitäten“ zählt (S. 17).

Im Fokus stehen also vor allem charismatische Akteure: „Ausgangspunkt der vorliegenden Studie war die Frage nach der Bedeutung der Pfingstbewegung beziehungsweise pfingstlich-charismatischer Spiritualität für die Ökumene, und zwar mit besonderem Fokus auf den deutschsprachigen Raum.“ (S. 21) Ihr Ziel ist nun die „Sensibilisierung für bestimmte religiöse Phänomene, die sich in der globalen christlichen Landschaft erkennen lassen und deren innere Zusammenhänge zwar auf den ersten Blick wenig einsichtig erscheinen, aber bei näherem Hinschauen durchaus erkennbar werden. Im Mittelpunkt stehen bestimmte spirituelle Dynamiken, die kontextabhängig in unterschiedlichen Gewändern erscheinen und sich gesamtgesellschaftlich zunehmend folgenreich manifestieren.“ (S. 18)

Da sie diese „gesamtgesellschaftlichen Folgen“ nicht näher benennt, bleibt einem uninformierten Leser nur, Ähnliches wie in den USA und Brasilien zu befürchten …

2. Der Ansatz: „Netzwerke“ und „Visionen“

Stattdessen stellt sie nun „zwei tragende und wechselseitig aufeinander bezogene Parameter“ vor, „die diese spirituellen Dynamiken in ihren tieferliegenden Strukturen miteinander verbinden und transparent machen“ (S. 18): „Netzwerke und Visionen“, die in ihrer „wachsenden Bedeutung … mit globalen gesamtgesellschaftlichen Prozessen [korrespondieren]“. Es soll „ein Feld abgesteckt werden, das innerhalb überwiegend nichthierarchischer, multimodaler, hybrider und internationaler Netzwerkstrukturen operiert“; dieses geschehe zugegebenermaßen „schablonenhaft und typologisierend“; doch mit höchster Relevanz, denn: „Das Gebilde unterschiedlicher miteinander verwobener Netzwerke wird dabei vielfach strategisch weitergeflochten und perpetuiert. Es erhält seine dynamische Expansions- und Wirkkraft … durch bestimmte Visionen, die innerhalb der Netzwerke verhandelt werden und die die Bildung kollektiver Identitäten und Vorstellungsräume fördern.“

Damit ist das Feld tatsächlich abgesteckt: Es soll ein internationales religiöses Netzwerk sichtbar gemacht werden, das auf den ersten Blick sehr heterogen erscheint, aber im Inneren durch geteilte Visionen angetrieben wird, die tendenziell zu autokratischen, rechtsextremen politischen Entwicklungen führen.

Dazu sind für sie „zwei Monografien von besonderer Bedeutung“ (S. 30):

  • New Apostolic Reformation (2016): Hier „beschreibt der Theologe John Weaver wichtige diachrone Zusammenhänge gegenwärtiger pfingstlich-charismatischer Netzwerke, die er unter dem Begriff der ‚New Apostolic Reformation‘ (NAR) subsumiert, und … arbeitet die gesellschaftstransformatorische ‚Herrschaftstheologie‘ als inhaltliches Zentrum verschiedener synchroner Netzwerke heraus[arbeitet], dessen Betrachtung sich auch für meine Arbeit als zentral erweist“.
  • The Rise of Network Christianity: How Independent Leaders are changing the Religious Landscape (2017): Hier untersuchen „die Soziologen Brad Christerson und Richard Flory … die strukturellen Mechanismen und Wirkweisen der Netzwerklandschaft“ [die sie etwas weiter fassen als „NAR“ und in Independent Network Charismatics (INC) umbenennen], … „wie es den Vertreter:innen der INC gelingt, mit ihrem herrschaftstheologischen Ansatz auf dem wettbewerbsstarken religiösen Markt zu reüssieren … und inwiefern Netzwerke die Ausweitung der Einflussbereiche fördern“, was sie für ihre „Forschung als äußerst bedeutsam“ herausstellt.

Beaver (wie auch Christerson/Flory) „beschränkt sich dabei … auf den angelsächsischen und neo-charismatischen Raum“ (S. 30); M. Hinsenkamps Forschungsanliegen wird nun sein, dass „die der KiNC zugeordneten unterschiedlichen Netzwerke erstmals im deutschsprachigen Bereich hinsichtlich ihrer zentralen Netzwerkakteure und deren relationalen Verbindungen untereinander empirisch und theoretisch eingehend untersucht werden“ (S. 34, vgl. S. 31: „Im deutschsprachigen Raum hat eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den entsprechenden visionären prozessual-millennialistisch orientierten Phänomenen und Strukturen bislang noch nicht stattgefunden“).

3. Die Kernbegriffe

Dazu führt sie Kernbegriffe ein, die sie im Folgenden bei der Beurteilung leiten werden.

3.1 „Prozessual-millennialistische Gesellschaftstransformation“ und „basileianische Herrschaftstheologie“

In ihrer Einleitung erklärt sie weiter (S. 19): Die von ihr gemeinten „Zukunftsvisionen zielen auf eine prozessual-millennialistische Gesellschaftstransformation, die auf einer basileianischen ‚Herrschaftstheologie‘ basiert“. Diese bestimmt sie ausgehend vom Begriff „Reich Gottes“: „Damit ist ein Vorstellungskonzept gemeint, das bereits in der Gegenwart von einer sukzessiven, das heißt prozessualen, Ausbreitung der Gottesherrschaft in der Welt ausgeht. Diese Ausbreitung soll zu einer kontinuierlichen Etablierung des Reiches Gottes in der sichtbaren und unsichtbaren Welt führen, weshalb die Entwicklung auch als basileianisch – also als Entwicklung hin auf die Königsherrschaft Gottes (βασιλεία τοῦ θεοῦ) – beschrieben werden kann.“ Danach folgt die im Begriff „millennialistisch“ enthaltene eschatologische Aufladung: „Dabei geht es darum, dass auf diese Weise bereits gegenwärtig die endzeitliche Vorstellung des Tausendjährigen Reiches … vorbereitet und antizipiert wird, in der das Gottesreich seine vollkommene Aufrichtung erlangt.“ (S. 19)

Dieser Grundbegriff „prozessual-millennialistische, gesellschaftstransformatorische Herrschaftstheologie“ wird sich in verschiedenen Varianten durch die ganze Arbeit ziehen (S. 33, 34, 35, 50, 51, 57, 61 u.v.m.). Im Abschnitt zum globalen Kontext (v.a. die USA) wird sie ihn auf konkrete Begriffe beziehen (S. 185):

„Das basileianische Transformationskonzept kennt verschiedene Bezeichnungen, unter denen es verhandelt wird. Besonders verbreitet sind die Schlagwörter ‚Dominionism‘, ‚Dominion Mandate‘, ‚Dominion Theology‘ oder ‚Seven Mountain Mandate‘, wobei sich im Deutschen am ehesten die Übersetzung ‚Herrschaftstheologie‘ anbietet (allerdings zuweilen vermutlich ‚Herrschaftsideologie‘ noch treffender ist).“

3.2 „agonistisches Weltbild“

Maria Hinsenkamp fährt fort: „Dieser millennialistische Prozess ist zudem agonistisch charakterisiert, wird also durch ein metaphysisches Kampfgeschehen ermöglicht, das sich sowohl transzendent als auch immanent manifestiert und auf eine Transformation der gesamten Gesellschaft ausgerichtet ist, im Rahmen derer alle gesellschaftlichen Bereiche für die Herrschaft Gottes gewonnen und eingenommen werden sollen.“ (S. 19)

In der Fußnote erläutert sie: „Der Begriff ‚agonistisch‘ … meint ein kämpferisches und auf Auseinandersetzung und Konkurrenz ausgerichtetes, aggressives Verhalten. Ich verwende den Begriff ‚agonistisch‘ zur Beschreibung eines auf einem metaphysischen Kampfesgeschehen beruhenden Weltbildes in Anlehnung an Andreas Heuser. Er charakterisiert den Begriff der agonistischen Spiritualität folgendermaßen: ‘Agonistic spirituality starts from a dualistic image of the world and progresses into a spiritual warfare that seeks to expand the power space filled with the might of the Holy Spirit against the subversions of Satan and the demonic powers’. Heuser: Outlines of a Pentecostal Dominion Theology, 213.“

Es fällt auf, dass die Autorin äußerst ausgefallenes Vokabular verwendet: „Der Begriff ‚agonistisch‘ ist der Verhaltensbiologie entlehnt“ (ebd.) und den Begriff „prozessual-millennialistisch“ hat sie selbst erfunden (vgl. S. 57). Zur „Sichtbarmachung dieser spirituellen Dynamiken“ führt sie nun noch einen weiteren zentralen, eigens konstruierten Begriff ein: Kingdom-minded Network Christianity (im Folgenden: KiNC)“ (S. 20ff).

3.3 Die zentrale Zuschreibung: „Kingdom-minded Network Christianity“ (KiNC)

Der Begriff „versucht, die wesentlichen Aspekte der untersuchten Phänomene terminologisch zu fassen … [Dabei] handelt es sich erstens um die inhaltlich-visionäre Fokussierung auf die prozessual-millennialistische Ausbreitung des Reiches Gottes; zweitens um die Bedeutung von Netzwerken als leitende Strukturmomente der zu beschreibenden Dynamiken; und drittens um die zu beobachtende Tendenz, dass die gesamte christliche Landschaft von den entsprechenden Entwicklungen tangiert wird.“ (S. 20; Fettsetzungen von mir.) Hier in der Einleitung ist bereits alles vorhanden, was die Autorin später an Ergebnissen präsentieren wird.

Zunächst führt sie „KiNC“ als „idealtypisches Konstrukt“ ein, „im Interesse eines strategischen, aber keinesfalls essentialistischen, Realismus, der darauf zielt, bestimmte Phänomene und Entwicklungen sichtbar zu machen, sie jedoch nicht als realtypische Bewegung oder Struktur versteht“ (S. 57; vgl. die Kategorisierung auf S. 419 als „Analysewerkzeug“; „[es] strukturiert ein globales und sehr heterogenes Feld, das sich aus unterschiedlichen Bewegungen, Netzwerken, parakirchlichen Organisationen, Gemeinden und Diensten zusammensetzt und bislang nur schwer zu greifen ist“). Beim Lesen wird dieses imaginäre Konstrukt jedoch immer materiellere Züge bekommen, indem sie kontinuierlich von „KiNC-Vertreter:innen“, „KiNC-Akteur:innen“, „einer KiNC-Spiritualität“ (inkl. z.B. einer spezifischen „baptistische[n] KiNC-Spiritualität“), einer „KiNC-Fluencer-Szene” usw. schreibt.

In Kapitel III führt sie ihren Begriff der „KiNC“ auf zwei Quellen zurück:

  1. Die New Apostolic Reformation (NAR, S. 52ff) fasste laut C. Peter Wagner (1994) neocharismatische Entwicklungen seit den 1990ern zusammen und zeichnete sich durch neue, „apostolische“ Leiter aus. Laut M. Hinsenkamp „steht die aus Gen 1 abgeleitete Herrschaftstheologie (Dominion Theology) mit dem Ziel der Errichtung des Reiches Gottes auf Erden, die eine gesellschaftliche Transformation zur Folge haben soll, im Mittelpunkt“ (S. 53). (Zur Einordnung: Lance Wallnau, aktueller prominenter „Vertreter“ dieser losen Bewegung, vertritt tatsächlich eine politisierte Version des Seven Mountains Mandate, nachdem sich Christen in sieben wesentlichen Gesellschaftsbereichen nicht nur einbringen sollen, sondern Machtpositionen anstreben sollen. In Donald Trump sah er einen „Kyrus“ – einen Nichtgläubigen, der als Gottes Werkzeug geschickt wurde, für den er 2024 aktiv Wahlkampf machte, vgl. S. 194.)
  2. Der Terminus Independent Network Charismatics (INC, S. 55f) wurde 2017 von den US-amerikanischen Soziologen Brad Christerson und Richard Flory eingeführt und bezeichnet die gleiche „Strömung innerhalb der neo-charismatischen Bewegung“ über ihre zunehmend nichtinstitutionelle Organisationsform und fasst sie inhaltlich weniger präzise, da viele Vertreter sich gegen eine Zuordnung zur NAR verwehrt hätten bzw. sich ausreichend stark davon unterscheiden würden.

Da beide Begriffe für den deutschsprachigen Bereich nicht ganz passend seien, hat sie sich entschieden, „einen Begriff zu finden, der beide Dimensionen miteinander verbindet“: „KiNC“. Die Vorzüge dieser Bezeichnung sieht sie darin, dass sie die „Bezugsvision“ des Reiches Gottes betont und weniger auf das „Apostolische“ abhebt (das „im Sprachgebrauch häufig eher umschrieben oder sogar ganz vermieden“ werde, „weil die Begrifflichkeiten im Feld zum Teil als vorbelastet wahrgenommen werden“, S. 57).

Diesen Grundbegriff bricht sie auf fünf Visionen herunter (die sie aus empirischen Befragungen und Analysen bei der Gebetshausbewegung und der Gemeinschaft Chemin Neuf ableitet, S. 49):

  1. die Vision von Gebet als transformierender und agonistischer Kraft,
  2. die Vision eines transformierten Lebens durch Jüngerschaft,
  3. eine transformierte Welt durch die sukzessive Ausbreitung des Reiches Gottes,
  4. die Vision transformierter Kirchen und Gemeinschaften durch Erweckung und Mission und
  5. schließlich die Vision einer transformierten Christenheit durch Einheit. (zitiert nach S. 50/51)

Hier bekommt die postulierte „KiNC-Spiritualität“ ein greifbares und für viele Christen vertrautes Gesicht. Diese fünf Grundwerte liegen auch dem Schaubild zur „deutschsprachigen KiNC-Landschaft“ zugrunde (S. 283). Und spätestens hier werden auch die gravierenden Methodenfehler der Autorin deutlich. Denn die Autorin lässt völlig im Unklaren, ob diese ausgemachten fünf Visionen tatsächlich in irgendeinem wesentlichen Zusammenhang zu der von ihr immer wieder beschworenen „prozessual-millennialistischen, gesellschaftstransformatorischen Herrschaftstheologie“ stehen und somit als Indikatoren für eine Nähe zur „KiNC-Spiritualität“ dienen können.

So geht es mit vielen Hinweisen zur Soziologie von Netzwerkgesellschaften (S. 59ff), „religionssoziologischen Aspekten von Visionen“ (S. 78ff) und zum „Verhältnis der klassischen Pfingstbewegung zur klassischen ökumenischen Bewegung“ (S. 86ff) in den Hauptteil B, in dem nun diese Netzwerke international und national sichtbar gemacht werden sollen – ohne vorher Klarheit über die Kriterien geschaffen zu haben. Deshalb an dieser Stelle ein Methoden-Check, der sich aus dem bisher Dargelegten ergibt.

4. Der Methoden-Check

4.1 Dringende Rückfragen

Die Einführung des Forschungsprojektes in Teil A (S. 15–108), wie ich es bis hierher nachgezeichnet habe, hat jede Menge Fragen aufgeworfen:

  • Ab wann liefern Merkmale aus den obigen fünf Visionen ein hinreichendes Kriterium für eine KiNC-Nähe? Hat es diese Wesensmerkmale nicht schon immer im gelebten Christentum gegeben, z.B. im Pietismus oder in der Evangelikalen Bewegung, völlig unabhängig und zeitlich vor dem von M. Hinsenkamp ausgemachten „prozessual-millennialistischen Turn“ in den 1990er-Jahren (S. 151 u.a.)? Hat die Autorin überprüft, ob die beiden Bewegungen, von denen sie diese fünf Grundwerte ableitet, ihren Kriterien der „prozessual-millennialistischen Herrschaftstheologie“ überhaupt entsprechen? (M.E. tun sie dies in keiner Weise.)
  • Wie wird das von ihr benannte KiNC-Hauptkriterium der „prozessual-millennialistischen Herrschaftstheologie“ definiert? Geht es präzise um die eschatologischen Überzeugungen oder reicht ein angestrebter „Einsatz für Gottes Reich“? (Was wäre dann der Unterschied zu anderen christlichen Strömungen und ihrem gesellschaftlichen Engagement?) Wie wird sie diese Ausrichtung an den einzelnen Akteuren nachweisen? (Hat es diesen „prozessual-millennialistischen Turn“ überhaupt in der Form gegeben?)
  • Wie wird ein allgemeines Streben nach „Gesellschaftstransformation“ von „Herrschaftstheologie“ unterschieden? Unter welchen Voraussetzungen ist christliches Gesellschaftsengagement bedenklich? (Ist es nicht von jeher Teil christlicher Existenz und Weltverantwortung gewesen, sich auch in die Umgebungsgesellschaft jenseits der eigenen kirchlichen Blase einzubringen, wie etwa in den sozialen Errungenschaften von Diakonie und Genossenschaftsstrukturen in der Erweckungsbewegung? Und ist nicht gerade der Rückzug in eine Weltflucht Pietisten und in der Folge deutschsprachigen Evangelikalen massiv angekreidet worden?)
  • Werden die auf S. 185 genannten „Schlagwörter ‚Dominionism‘, ‚Dominion Mandate‘, ‚Dominion Theology‘ oder ‚Seven Mountain Mandate‘“ (vgl. 3.1) definiert werden? Wird erläutert werden, was einzelne Vertreter mit dominion meinen? Wird unterschieden werden nach geistlicher Vollmacht, gesellschaftlich-kultureller Mitgestaltung und politischer Herrschaft?
  • Werden diese Stichworte bei der Unterscheidung eine Rolle spielen? Wird also das Aufkommen dieser oder ähnlicher Begrifflichkeiten als notwendiges Kriterium erfordert sein?
  • Wie ist zwischen dem geistlichen „Reich Gottes“ und politischen Reichen zu unterscheiden? Woran wird die Autorin festmachen, ob Christen mit der Vokabel „Reich Gottes“ geistliche oder politische Dimensionen im Blick haben? Und wenn politische Dimensionen gemeint sind – anhand welcher Kriterien will sie sie theologisch prüfen und bewerten?
  • Was wäre ein legitimes Verhältnis zur Gesellschaft bzw. eine legitime Form von Weltverantwortung? Woran macht sie fest, welche Nähe zur Politik bedenklich ist? (Auf Kirchentagen wimmelt es auch von Politikern und Foren, in denen Berührungspunkte von kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen diskutiert werden. Und um die Vokabel „Reich Gottes“ kommt niemand herum, der nicht jeden Bezug zu den Reden Jesu in den Evangelien auflösen oder das Vaterunser abschaffen will.)
  • Was wäre das Ausschlusskriterium, das eine Rede vom „Reich Gottes“ (einem urbiblischen Begriff, s.u.) von einer „KiNC“-Theologie unterscheidet? Was unterscheidet die unzähligen, von der Autorin selbst immer wieder als sehr heterogen markierten Akteure prinzipiell von anderen christlichen Akteuren, die ebenfalls vom „Reich Gottes“ sprechen? Mit welcher Argumentation würden z.B. Vertreter der EKD nicht unter die vorgestellten Kriterien fallen?
  • Wie unterscheidet sie bei den von ihr untersuchten Akteuren zwischen einem „Trachten nach dem Reich Gottes“, in dem Gott wirkt (Gottes „Herrschaft“/basileia), und einem verdeckten Streben nach menschlicher Macht, ggf. gar im Sinne eines „christlichen Staates“?

4.2 Grobe Fehlschlüsse

Auf alle diese Fragen gibt Maria Hinsenkamp keine Antworten.

Stattdessen versinkt man als Leser in einem Meer von Assoziationsfehlschlüssen, wenn im Weiteren weite Teile der christlichen Landschaft auf Verbindungen mit der postulierten „KiNC-Spiritualität“ untersucht werden: Oberflächliche Übereinstimmungen in christlichen Grundbegriffen („Reich Gottes“, „Gebet/Fürbitte für die Welt“, „geistlicher Kampf“) reichen aus, um mit diesen behaupteten „Visionen“ assoziiert zu werden, und personelle Verbindungen werden in maximaler Kontaktschuld zu einer großen, fiktiven „KiNC-Landschaft“ verknüpft (Beispiele s.u.).

Im inhaltlichen Bereich fällt auf, dass das Reich Gottes als Gottes „Herrschaft“ – so das griechische Wort basileia im Neuen Testament, das mit „(König-)Reich“ oder „(Königs-)Herrschaft“ wiedergegeben werden kann) allzu leichtfüßig mit menschlichen Herrschaftsbestrebungen assoziiert wird (vgl. 6.). Hinzu kommt die Vermengung mit dem Kulturmandat aus Gen 1,28/2,15, („herrschen“ über die Tiere, die Erde „bebauen und bewahren“): Bei Maria Hinsenkamp wird aus jedem Bezug zur Schöpfungsberufung ein potenzieller christlicher „Herrschaftsauftrag“ im Sinne einer „Christian Supremacy“ (S. 187); was sie zu Recht an C. Peter Wagner und seinen dominionism zitieren kann (s.u.), wird zur Blaupause für die gesamte „KiNC“ (s.u.).

Ein weiteres Grundproblem stellt die Ausweitung der „Reich-Gottes-Vision“ auf die übrigen „vier Visionen“ dar, die nun als pars pro toto jeweils als Indikatoren für das Gesamtpaket verwendet werden. So reicht zum Beispiel für das Forum Wiedenest der Hinweis aus, dass dies, obwohl „traditionell einer Zusammenarbeit mit Brüdergemeinden und baptistischen Gemeinden verpflichtet“ gewesen, „mittlerweile … jedoch … verschiedene Formate im Bereich der ‚Jüngerschaftsausbildung‘“ anbiete: Förderung von Jüngerschaft als Beleg dafür, dass evangelikale Positionen zugunsten einer KiNC-Spiritualität geräumt worden seien, bestätigt dadurch, dass sich „zudem … enge Kooperation [sic!] mit anderen Jüngerschafts- und Leiterschaftsausbildungsstätten aus der (neo-charismatischen) KiNC entwickelt“ haben (S. 328). Die Gebetsbewegung „Deutschland betet gemeinsam“ hat ihren Weg ins fiktive KiNC-Netzwerk dadurch gefunden, dass hier die Teilvision „Gebet“ (Fürbitte) betont wird, ohne in den konzertierten Gebetsveranstaltungen je mehr gemacht zu haben, als für das Wohl des Landes und der Menschen zu bitten (z.B. in der Corona-Pandemie). Dass sich auch hier wieder viele geistliche Leiter miteinander vernetzt haben (u.a. Johannes Hartl), scheint den (Fehl-)schluss zu bestätigen (vgl. die vielen Nennungen auf versch. Seiten).

So kommt es zu unzulässigen Gleichsetzungen aufgrund partieller Überschneidungen, Fehlschlüssen von Überschneidungen auf gemeinsame Identitäten, unzulässigen Generalisierungen aufgrund inhaltlicher oder personeller Überschneidungen und klassischen Kontaktschlüssen (Kontaktschuld, guilt by association). In einer langen Assoziationskette hängt am Ende so ziemlich alles, was in der deutschsprachigen frommen Szene bekannt ist, im Netz der KiNC-Spiritualität und damit am „Rockzipfel“ vereinzelter amerikanischer Akteure, die tatsächlich von einem christlichen Staat träumen.

Zudem ist die Quellenlage oft auch dann unbefriedigend, wenn einzelne Belege angeführt werden, da dies oft äußere Zuschreibungen sind, die nicht am Objekt auf ihre Richtigkeit überprüft werden. (Vgl. z.B. 5.3, wo ein taz-Interview die entscheidende Einordnung „christlich konservativer Strömungen“ liefert, oder 6.2, wo die „Herrschaftstheologie“ von Bill Bright und Loren Cunningham lediglich mit einer Darstellung von Lance Wallnau begründet wird, der später diese Neuinterpretation vertreten hat.)

Wirklich ärgerlich wird es, wenn diese Assoziationen, mit denen ein Großteil der deutschsprachigen christlichen „Landschaft“ überzogen wird, dann nicht am Objekt überprüft werden. Anstatt ihre Thesen durch Selbstaussagen der Akteure aus Publikationen und Predigten zu belegen, beruft sich die Autorin maximal auf Einschätzungen anderer oder verlässt sich ganz auf ihre eigenen Assoziationen (Beispiele s.u.). Einer Distanzierung der besprochenen Akteure von diesen Zuschreibungen beugt sie mit der Aussage vor, „dass die unterschiedlichen Netzwerkakteur:innen sich der ‚latenten Strukturen‘ und inhaltlichen Prämissen in ihrer weltanschaulich komplexen Ausgestaltung … oftmals gar nicht immer in ihrer Umfänglichkeit bewusst sind, so dass … der Netzwerkanalyst diesbezüglich ‚am Ende meist gescheiter als die Netzwerkakteure selbst‘ ist“ (S. 25).

Hier wird eine grundlegende Anforderung an Wissenschaftlichkeit aufgegeben, nämlich die Verifizierbarkeit bzw. Falsifizierbarkeit von Aussagen. Im letzten Analyse-Teil soll diese Verifizierbarkeit am zentralen theologischen Thema und einigen wesentlichen „Vertretern“ nachgeholt werden(„Theologie-Check“, 6.1– 6.6). Doch zunächst folgen wir der Autorin in ihren Hauptteil, in dem sie die „KiNC-Netzwerke“ erforschen will.

5. Der Reality-Check: Die behaupteten „KiNC“-Netzwerke

Maria Hinsenkamp beginnt ihren 300 Seiten umfassenden Teil B mit der „Genese und Phänomenologie der neo-charismatisch geprägten KiNC in ihrem globalen Kontext“ (Kapitel IV) und beleuchtet hier vor allem Strömungen in den USA. In Kapitel V widmet sie sich der „römisch-katholischen KiNC“ (S. 237–268, v.a. das internationale CHARIS-Netz, dem die GGE-Schwesterbewegung CE/Charismatische Erneuerung angehört) und in Kapitel VI (S. 269–416) dem protestantischen deutschsprachigen Raum (vgl. Grafik und hier).

5.1 Die USA

Die Autorin setzt mit diachronen Überlegungen an: „Was man mit Beginn der Jahrtausendwende als KiNC bezeichnen kann, speist sich aus verschiedenen Strömungen, die sich vornehmlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben“ (S. 111). Hier wird sie als eine erste Spur die Spätregenbewegung (Latter Rain Movement) nennen, in der für sie die „Entwicklung von einer prämillennialistischen hin zu einer prozessual-millennialistischen und damit triumphalistischen Eschatologie innerhalb der pfingstlich-charismatischen Bewegung in der Mitte des 20. Jahrhunderts erkennbar“ wird (S. 123).

Im Zentrum steht dann die Bildung der neocharismatischen Bewegung bzw. der New Apostolic Reformation (NAR), die sie auf S. 52f näher beschreibt. Die zentrale Figur ist C. Peter Wagner, der ab 1996 mit dem Begriff New Apostolic Reformation (NAR) auftritt, um das Wesen der neuen Entwicklungen im charismatischen Raum zu fassen. Im weiteren Verlauf hätten sich viele Akteure von dieser Bezeichnung distanziert (S. 53), doch Hinsenkamp fasst die NAR als Nukleus ihrer „KiNC-Netzwerke“ auf, die sie auf S. 111 sogar als deckungsgleich mit der NAR bezeichnet. Von Wagner leitet sie nun die folgenden Faktoren ab, die eine NAR- und später KiNC-Netzwerklandschaft auszeichnen sollen (S. 52f). Da eine systematisierte Liste nicht zu finden ist, sondern Ergänzungen und Wiederholungen sich durch die ganze Arbeit ziehen, hier der Versuch einer Synthese in meinen eigenen Worten:

  • eine positive Erwartung, dass Gottes Reich sich auch schon vor der Wiederkunft Christi ausbreitet
  • ein Triumphalismus, der erwartet, dass das Christentum ganze Gesellschaften übernehmen wird
  • eine Ausrichtung auf Gesellschaftstransformation, die in diesem Sinne die strategische Übernahme von politischen und gesellschaftlichen Schlüsselpositionen anstrebt (Lance Wallnau, Seven-Mountains-Mandate)
  • eine Flankierung durch „geistliche Kampfführung“, die im spiritual mapping die geistliche Landschaft analysiert und dann im Gebet gegen „Territorialmächte“ für Christus einnehmen will (C. Peter Wagner, Cindy Jacobs)
  • eine Organisationsstruktur, die primär über Netzwerke (statt Verbände und Denominationen) agiert und durch „Apostel“ und „Propheten“ angeführt wird, die durch ihr geistliches Empfangen direkt von Gott legimitiert sind (z.B. die Kansas-City-Propheten, vgl. Konzept des fünffältigen Dienstes)

Im Folgenden wird die Autorin diese Kriterien bei vielen anderen Akteuren wiedererkennen, wobei einzelne Faktoren des Komplexes oft als ausreichende Indizien gewertet werden. Im Mittelpunkt ihrer These steht aber die „Herrschaftstheologie“, die sie unter „IV.3.1.1 Ein neues Verständnis des ‚Herrschaftsauftrags‘ unter der Annahme eines ‚prozessualen Millennialismus‘“ erläutert (S. 185/186f):

„Das basileianische Transformationskonzept kennt verschiedene Bezeichnungen, unter denen es verhandelt wird. Besonders verbreitet sind die Schlagwörter ‚Dominionism‘, ‚Dominion Mandate‘, ‚Dominion Theology‘ oder ‚Seven Mountain Mandate‘, wobei sich im Deutschen am ehesten die Übersetzung ‚Herrschaftstheologie‘ anbietet (allerdings zuweilen vermutlich ‚Herrschaftsideologie‘ noch treffender ist).“

„Der ‚Herrschaftstheologie‘ liegt die Überzeugung zugrunde, dass der christliche Missionsauftrag nicht allein auf die Errettung von Individuen und auf das Wachstum von Gemeinden zielt, sondern vielmehr auf die Verkündigung und Ausbreitung des Reiches Gottes in der Welt, das die Aufgabe der ‚Seelengewinnung‘ zwar miteinschließe, jedoch weit darüber hinaus gehe: ‚We must strive to transform the ‚nation‘ so that it corporately acknowledges Jesus as Lord and reflects the values and blessings of the kingdom‘. Damit wird eine Zielperspektive dargelegt, die Matthew Taylor als ‚Christian Supremacy‘ und Heuser als ‚Christianisierung der Gesellschaft‘ beschreibt.“

Der Blick in die Fußnote zeigt, dass das erwähnte Zitat direkt von C. Peter Wagner stammt. Es bleibt unklar, welche Personen oder Bewegungen dieses Ziel teilen würden; außerdem schränkt die Autorin gleich im Nachsatz ein: „Gleichwohl geht es hierbei nach Heuser weniger um die Einführung eines theokratischen Gesellschaftsmodells denn um eine maximale Diskurshegemonie“ (S. 187). (Nebenbei: Heusers Einschätzung stammt von 2021 – also schon nach der ersten Regierungszeit Trumps, in der einige der NAR zugerechneten Personen mit der Trump-Administration zusammenarbeiteten, während sich einzelne gar nach der verlorenen Wahl von 2020 den Vorwürfen des Wahlbetrugs anschlossen – wenn etwas zu grundlegend demokratiefeindlichen Vorwürfen getaugt hätte, dann diese politische Allianzen.)

Ausgehend von den Akteuren und Faktoren der NAR zeichnet die Autorin nun das Bild einer umfassenden Netzwerklandschaft, die „man seit Beginn der Jahrtausendwende als KiNC bezeichnen kann“ (S. 111). In ihrer Analyse will sie ausgehend von den „1980er und 1990er Jahren … die Formierung bestimmter Teilnetzwerke beobachten“ (S. 111), die sie als Netzwerke A bis G präsentiert:

  • Im Netzwerk A befindet sich die für ihre Gedankengänge entscheidende „Propheten- und Spiritual-Mapping-Bewegung in den USA der 1980er und 1990er Jahre“ (S. 154); sie seien „offen politisch engagiert und lassen sich im ideologischen Kulturkampf im ‚rechten‘ oder ultrakonservativen Spektrum verorten“ (S. 155). „Prominente Figuren sind zum Beispiel Lance Wallnau …, der die Idee der ‚sieben Berge der Gesellschaft Anfang der 2000er Jahre in Umlauf gebracht und massiv verbreitet hat und besonders während der Präsidentschaftszeit Donald Trumps (2017–2021) enge Verbindungen zum Weißen Haus hatte, oder auch Jim Garlow, der im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 aktiv in die Wahlkampagne Trumps involviert war“ (S. 155).
  • In Netzwerk B findet sich das „Post-Toronto-Netzwerk” „Revival Alliance and Friends“ (S. 158), mit Vertretern wie John Arnott (Toronto) und Bill Johnson (Bethel). (Zur Einordnung: Hier gibt es tatsächlich partielle Nähen zum Netzwerk A. So hat Bill Johnson 2016 zusammen mit Lance Wallnau das Buch Invading Babylon: The 7 Mountain Mandate herausgegeben, das den geistlichen Kampf in markiger Militärsprache zum Ausdruck bringt.)
  • Im Netzwerk C stellt sie die „Die Gebets- und Prophetenbewegung – in Ausrichtung auf die Endzeit“ zusammen (S. 162ff.), mit Vertretern wie Mike Bickle (IHOP – International House of Prayer in Kansas City). Die Verbindung zur KiNC-Theologie beschreibt sie so: „Überschneidungen bestehen nicht nur in den gemeinsamen Bemühungen um Erweckung, sondern auch in der eschatologischen Geschichtsdeutung, in deren Rahmen der gegenwärtige ‚Kulturkampf‘ als geistlicher Kriegsschauplatz in der kosmischen Schlacht um die Ausbreitung des Reiches Gottes gewertet wird“ (S. 163f., ohne Beleg).
  • Die folgenden Netzwerke haben dann immer weniger mit den theologischen KiNC-Grundthemen zu tun: In Netzwerk D finden sich z.B. die „Evangelisten im Missionsdienst“ (Schaubild S. 169), mit Akteuren wie Heidi Baker (Iris Ministries) oder Bill Bright (Campus für Christus) und Loren Cunningham/YwaM (vgl. unten, 6.2 „Theologie-Check“). Die behauptete KiNC-Nähe wird im Wesentlichen durch den Schwerpunkt Mission und Kooperationen und Vernetzung „mit anderen KiNC-Netzwerken“ begründet (S. 170f).
  • Das Netzwerk E ist für das Hillsong-Netzwerk reserviert und erhält seine KiNC-Zuschreibung vor allem durch die Betonung auf Lobpreis (S. 174) und einen „Schulterschluss“ 2016 zwischen Brian Houston (damaliger Hillsong-Direktor) und Bill Johnson (damaliger Bethel-Leiter) bei einem gemeinsamen Auftritt (S. 172).
  • In Netzwerk F („Modern Generation – berühmte Pastor:innen und ihre Kirchenimperien“, S. 176ff) finden sich auch bei uns bekannte Namen wie Bill Hybels (Willow Creek), Rick Warren (Saddleback Church) oder der in London beheimatete Entwickler der Alpha-Kurse Nicky Gumbel. Es liefert ein besonders anschauliches Beispiel für Maria Hinsenkamps Assoziationslogik, wenn sie schreibt: „Im Netzwerk F sind auch solche Mega-Kirchen vertreten, die in ihren diachronen Bezügen nicht im neo-pentekostalen, sondern eher im evangelikalen Spektrum beheimatet, mittlerweile aber durch ihre persönlichen Beziehungen, Spiritualitätsformen und ihre visionäre Ausrichtung im Kontext der KiNC zu verorten sind.“ Diese Ausrichtung weist sie nirgends nach – außer dadurch, dass sie Paula White und Jentezen Franklin, zwei Trump-Unterstützer, dem Netzwerk zurechnet, während sie zugesteht, dass viele andere von ihr hier eingeordnete Akteure „in ihren politischen Positionen auffällig zurückhaltend sind und auf gesellschaftspolitischen Aktivismus nahezu gänzlich zu verzichten scheinen“ (S. 178). Dennoch ist sie sich sicher, dass diese Zusammenstellung von Personen als „besonderer Schmelztiegel neo-charismatischer und evangelikal geprägter KiNC-Akteur:innen betrachtet werden“ kann (S. 177).
  • Im Netzwerk G („Young Generation – Die kulturellen Influencer“) ist endgültig keine spezifische theologische DNA mehr auszumachen, sondern es wird im Wesentlichen ihre mediale Präsenz beschrieben und mit einer KiNC-Ambition assoziiert: „Ein besonderes Kennzeichen dieses Netzwerks ist die Vernetzung seiner Akteur:innen in die Mode-, Sport und Unterhaltungsindustrie, um auf diese Weise auch die kulturelle Dimension der basileianischen Gesellschaftstransformation zu betonen. So bestehen enge Freundschaften, Kontakte und Kooperationen mit Prominenten … (wie z.B. Justin Bieber, Kourtney Kardashian, Selena Gomez oder Kanye West)“ (S. 182). Ihre weiteren Beschreibungen stehen einer bedenklichen Nähe zur New Apostolic Reformation eigentlich durchweg entgegen, wenn sie z.B. erläutert, dass die Verbindungen untereinander und zu den Netzwerken F und E „auf engen Freundschafts- und Vertrauensbeziehungen“ basieren, „ohne dass … ein in irgendeiner Weise hierarchisches Verhältnis oder Beziehungsverständnis in den Vordergrund gestellt wird“ (S. 183). Dahinter sieht sie eine „gemeinsame Vision, die häufig in unterschiedlichen Hashtags verpackt ist – z.B. #thebestisyettocome … Die Vorstellung, gemeinsam ‚part of the story‘ [deren Inhalt nicht weiter beschrieben wird] und an der Verwirklichung dieser story Gottes sowie der damit verbundenen Ausbreitung seines Reiches aktiv beteiligt zu sein, stellt das grundlegende Narrativ dar, auf dem alle Handlungen aufbauen.“ (S. 183; wenn das schon „KiNC“-Logik ist, was machen dann andere Christen anders?)

Hier wird die Netzwerklogik endgültig zum Zirkelschluss: Weil Menschen miteinander zusammenarbeiten, müssen sie die gleiche Theologie haben; weil nun aber immer mehr Christen denominationsübergreifend zusammenarbeiten, muss diese ausgemachte prozessual-millennialistische Herrschaftstheologie, die sich bei einzelnen Vertretern der New Apostolic Reformation tatsächlich finden lässt, die gemeinsame Grundlage sein, die sich bei jedem einzelnen Vertreter finden lassen würde, wenn er seine Überzeugungen offenlegen und sich nicht in „sprachlicher Zurückhaltung“ (S. 183, für die Netzwerke D, E und F) üben würde.

5.2 Die „römisch-katholische KiNC“

Mit dieser maximalen Assoziationslogik geht es nun in den katholischen Bereich. Hier hat sich schon seit den 1960ern eine breite charismatische Bewegung gebildet, die in Deutschland durch die CE („Charismatische Erneuerung“) aktiv ist, der wir uns als GGE sehr verbunden fühlen. 2019 hat Papst Franziskus dann die internationale Dachstruktur CHARIS (Catholic Charismatic Renewal International Service) geschaffen, die die vielfältigen charismatischen Aktivitäten vernetzt. Insofern findet die Autorin hier ein strukturierteres Feld vor, das sich offensichtlich einfacher „einfangen“ (vgl. 1.) lässt und zu etwas weniger Spekulationen einlädt.

Dennoch findet sie auch hier ein weites Feld von „KiNC“-Akteuren. Einen Wendepunkt macht sie in Papst Franziskus und dem „Paradigmenwechsel in der Beziehung zwischen Charismatischer Erneuerung und der Ökumene“ aus (S. 243ff). Insgesamt sieht sie „auch das theologische Verständnis von CHARIS prozessual-millennialistisch gefärbt, nämlich in dem Sinne, dass sich das christliche Handeln transformativ auf die Expansion des Reiches Gottes auswirken soll“. Zwar stellt sie fest, „dass der im neo-charismatischen KiNC-Spektrum virulente gesellschaftstransformatorische Ansatz anders akzentuiert wird … (Partei-)politisch oder soziokulturell ausgerichtete Strategien stehen … nicht im Vordergrund“ (S. 253). Trotzdem will sie auch hier zeigen, wie die Einflüsse aus den USA sich in den Netzwerken multiplizieren und verbreiten.

Dafür findet sie in der Christian Unity Commission von CHARIS, „die aus Mitgliedern unterschiedlicher Traditionen und Konfessionen besteht“, einen besonderen „Schmelztiegel der neo-charismatischen und römisch-katholischen KiNC“ (S. 256): Hier überschneiden sich Personalien wie z.B. in der Person von Christy Wimber (Vineyard-Bewegung); Walter Dürr als langjähriger Leiter des Instituts für Glaube und Gesellschaft (Universität Fribourg), der in Hawaii bei YwaM studiert hat (S. 260), oder Johannes Fichtenbauer, der dem Runden Tisch in Österreich vorsitzt und dem Koordinationsteam von Miteinander für Europa angehört (S. 260).

So bescheinigt Maria Hinsenkamp auch den Mitgliedern der Christian Union Commission, dass sie „die Etablierung verschiedener, häufig genuin neo-charismatischer Visionen (zum Beispiel ein gesellschaftstransformatorisches Reich-Gottes-Verständnis, eine prozessual-millennialistische Eschatologie und auch ein neues Verhältnis zum messianischen Judentum) innerhalb der katholischen KiNC und damit innerhalb der römisch-katholischen Kirche als ganzer ermöglichen und fördern“ (S. 254, vgl. 260). Entsprechend finden sich in den zahlreichen Schaubildern auch vielfältige katholische Akteure wieder, z.B. in der „deutschsprachigen KiNC-Landschaft“ (S. 283). 

5.3 „Die KiNC im deutschsprachigen Raum“

Da die Autorin bis hierher die Kriterien für eine Zugehörigkeit zu „KiNC-Netzwerken“ dermaßen aufgeweicht hat, dass (inhaltlich) Nennungen bestimmter christlicher Kernbegriffe oder Übereinstimmungen in einzelnen geistlichen Schwerpunkten (Gebet als geistlicher Kampf, Einheit, Jüngerschaft, Mission/Evangelisation) sowie (relational) punktuelle Kooperationen in allgemeinen christlichen Aktivitäten ausreichen, verwundert es nicht, dass im Blick auf die „deutschsprachige KiNC-Landschaft“ (vgl. das zentrale Schaubild 12, S. 283) nun eine Fülle an pfingstlich-charismatischen wie auch evangelikalen Akteuren auf den Schirm kommt und schließlich mit der katholischen Charismatischen Erneuerung (unter „VI.4.3 … und wieder eine Synthese“) zusammengeführt wird (S. 361).

Ihren Ausgangspunkt nimmt die Autorin bei der Annäherung evangelikaler und pfingstlich-charismatischer Kreise, die seit den 1990ern stattgefunden hat und 1996 in der Kasseler Erklärung ihren Ausdruck darin fand, dass die Evangelische Allianz Deutschland den Bund Freier Pfingstgemeinden (BfP) aufnahm (S. 281). So findet sich in ihrer inklusiven Assoziationslogik eine derartige Vielzahl bekannter christlicher Organisationen, Bewegungen, Gemeinden und Personen in der „KiNC-Landschaft“ wieder, dass man sich eigentlich schon fragen kann, wer an evangelikalen oder charismatischen Akteuren nicht genannt wird. Allein durch die Aufnahme von Dachorganisationen bzw. Bewegungen wie die Dt. Evangelische Allianz, Lausanner Bewegung, Willow Creek oder Alpha Deutschland wird das Netz derart engmaschig ausgeworfen, dass bei weiterer Betrachtung die Liste noch unendlicher geworden wäre. Gebetsbewegungen wie Deutschland betet, der Wächterruf oder die Gebetshäuser werden ebenso unter Generalverdacht gestellt. Ebenso abgesenkt wird die Eingangsschwelle durch simple Zugangsvokabeln wie „Reich Gottes“ oder „Gesellschaftstransformation“. 

 

(Es lohnt sich eine Stichwortsuche im Buch oder der Blick auf die Schaubilder auf S. 283/„deutschsprachige KiNC-Landschaft“, S. 315/„neo-charismatisch gefärbtes KiNC-Spektrum in Deutschland“ oder S. 361, „römisch-katholischen KiNC-Verbindungen in D-A-CH“, um festzustellen, ob man selbst aufgeführt wird.)

Auch für den deutschsprachigen Bereich oszillieren die Kriterien der Autorin zwischen Stichworten wie „Reich Gottes“ oder „Gesellschaftstransformation“, die eine Herrschaftstheologie nahelegen sollen, relationaler Assoziationslogik (Kontakte zu anderen den Netzwerken zugeschriebenen Personen) und thematischen oder „personellen Überschneidungen mit öffentlichen Personen aus dem werte- oder rechts-konservativen Bereich“ (S. 306). Ein plastisches Beispiel dafür ist die Assoziationskette zu christlichen Influencern, die unter der Überschrift „VI.2.3.3 Gesellschaftstransformation – oder doch ein subversiver Kulturkampf?“ (S. 306) erstellt wird:

„Dass sich die ‚KiNC-Fluencer:innen‘ … eben auch auf politische Weise für eine herrschaftstheologische Gesellschaftstransformation einsetzen, macht die Teilnahme Neubauers, Jägers und des O‘Bros-Sängers Alexander Oberschelp an der ARC-Konferenz (Alliance for Responsible Citizenship) deutlich … 2023 in London. Die ARC, ein durch den umstrittenen kanadischen Psychologen Jordan Peterson initiiertes internationales Netzwerk rechtskonservativer, libertärer und äußerst einflussreicher Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Gesellschaftsbereichen, zählt unter anderem auch den US-amerikanischen Republikaner und Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson zu seinem 45- köpfigen Beirat.“ (S. 313)

Kommentatoren sehen in dem Vorgehen der Dissertation eine „‚Hermeneutik des Verdachts‘, die durch bewusst in Kauf genommene Überzeichnung verdächtiger KiNC-Spuren gefährliche Dynamiken sichtbar machen will“ (Willibald Sandler in: Zeitschrift für Theologie und Philosophie, 148/2 [2026], S. 302) oder eine „Hermeneutik der Unterstellung“ (Gerrit Hohage). Letzterer fasst M. Hinsenkamps Vorgehen so zusammen: „Dadurch gerät im Grunde jedes engagierte evangelikale Christsein in den Verdacht, etwas mit Christlichem Nationalismus zu tun zu haben.“ (Hier zu ihrem Buchbeitrags in Dietz/Hinsenkamp, Christlicher Nationalismus, in dem sie ihre Erkenntnisse aus der Dissertation zusammenfasst.)

Zielführender wäre es gewesen, ausgehend von relevanten Akteuren aus dem US-Netzwerk A nach konkreten Einflüssen im deutschsprachigen Bereich zu suchen, etwa in Form von Einladungen oder Publikationsverbreitungen zu christlichem Nationalismus und dominionism. Hier erwähnt sie lediglich C. Peter Wagner, der 1991 (!) beim Nürnberger Gemeindekongress vor 4000 Teilnehmern über sein zugespitztes Programm zum „Geistlichen Kampf“ referierte und damit eine Grundlage für den „Jesus-Marsch“ legte; ihre Formulierungen „beispielsweise“ und dass „diese sich rasch verbreitenden Ideen … durch Bewegungen wie Jugend mit einer Mission (JmeM/YWAM), Campus für Christus (CfC) oder Fürbitte Deutschland gestützt wurden“ bleiben unbelegt (S. 275) und würden einer kritischen Analyse vermutlich nicht standhalten. Ebenso unerwähnt lässt sie, dass die Strömung der „Geistlichen Kampfführung“ im deutschsprachigen Bereich schon 1994 durch Wolfram Kopfermann in seinem Buch Macht ohne Auftrag: Warum ich mich nicht an der „geistlichen Kriegführung“ beteilige prominent kritisiert wurde. Sucht man nach Akteuren im deutschsprachigen Bereich, die C. Peter Wagners Ansatz aktuell noch verwenden, stößt man vor allem auf Kingdom Impact (Monika Flach), die aber in der Dissertation in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt wird. Sucht man nach Verbreitung des Gedankenguts von Lance Wallnau, findet sich lediglich ein kleiner Beitrag zum Sieben-Berge-Mandat innerhalb eines Online-Moduls der ISDD-Bibelschule (Christus für Europa).

Dass Maria Hinsenkamp ihre herrschaftstheologischen Unterstellungen nicht belegen kann, wird eigentlich aus ihren eigenen Worten deutlich, wenn sie unter „VI.2.3 Prozessualer Millennialismus und transformative Reich-Gottes-Vision in der deutschsprachigen KiNC-Szene“ (S. 294) resümiert:

„Die KiNC-Akteur:innen teilen in ihrem grundsätzlichen Verständnis des Reiches Gottes die ‚klassische‘ Form der in der internationalen KiNC verhandelten Herrschaftstheologie, und wie die empirischen Untersuchungen (besonders anhand der GHB [Gebetshausbewegung]) gezeigt haben, wird das Reich Gottes als ein Ort verstanden, ‚an dem natürliches und übernatürliches Handeln zusammenfällt‘ … Demnach ist dem Reich Gottes, das auf Wachstum ausgerichtet ist, ein fluider Charakter inhärent, und es zielt darauf, dass ‚alles zum Reich Gottes‘ wird … Entsprechend wird das Reich Gottes als die Einheit aller Christ:innen betrachtet, die Stadt, Region und Kirche in allen ‚sieben Säulen der Gesellschaft‘ prägen … Gleichwohl geht es aus Sicht der Befragten nicht darum, einen ‚Gottesstaat‘ zu bauen, sondern vielmehr eine ‚Gottesstadt‘, die sich dadurch auszeichne, dass alle Bereiche des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens von den Werten des Reiches Gottes bzw. einer ‚Kultur der Ehre‘ geprägt seien.“

Trotzdem kommt sie in ihren „zusammenfassenden Beobachtungen“ in Punkt 26 zum Ergebnis (S. 426): „Dabei ist das ökumenische Ansinnen der deutschsprachigen KiNC ebenfalls explizit auf die transformatorische, Reich-Gottes-orientierte Herrschaftstheologie ausgerichtet.“ Damit stellt sie im Prinzip die gesamte evangelikale und charismatische Christenheit im deutschsprachigen Raum (im protestantischen wie auch im katholischen Bereich) unter den Generalverdacht politisch brisanter Ambitionen.

Als Beleg fungieren häufiger taz-Aussagen wie die von „Neil Datta, Sekretär des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung“, der „in einem Interview mit der taz auf den Zusammenhang zwischen dem Erstarken der politischen Rechten und populistischen Bewegungen hin[weist], da sich die drei Bewegungen (die extreme Rechte, populistische Bewegungen und christlich konservative Strömungen) gegenseitig ergänzten und befruchteten“ (S. 308).

Hier wäre eine Überprüfung relevanter deutschsprachiger christlicher Allianzen sinnvoller gewesen. Diese grenzen sich nämlich trotz einzelner dem konservativen Spektrum zuzuordnender Themenkreise (v.a. der Sexualethik) ausdrücklich von einer parteipolitischen Einordnung ab. So heißt es etwa in der Stellungnahme Sucht der Stadt Bestes“: Zur Verantwortung der Christen in Staat und Gesellschaft der Ev. Allianz in Deutschland 2009:

„Die ca. 1,4 Millionen Christen, die sich nach verschiedenen Schätzungen der Evangelischen Allianz in Deutschland zugehörig fühlen, haben nicht in allen Einzelfragen einheitliche politische Überzeugungen. Sie wählen unterschiedliche Parteien und lassen sich nicht in ein Links-Rechts-Schema oder in andere politische Kategorien einordnen.“ (EAD, S. 3)

(Vgl. das Statement von JESUS25 zu „Jesus25 und Politik.)

(Mehr zu Heinrich-Christian Rust/CCD und Johannes Hartl unter 6.5 und 6.6.)

6. Der Theologie-Check: Die behauptete Herrschaftstheologie

Wenn die Dissertation mehr sein will als eine reine Beschreibung der frommen Szene (wer kennt wen; wer verfolgt welche geistlichen Schwerpunkte wie Gebet, Lobpreis, Jüngerschaft und Evangelisation?), hängen die Gedankengänge maßgeblich am von Maria Hinsenkamp eingeführten Begriff des „prozessualen Millennialismus“ (vgl. bes. S. 189–191) , den sie wie dargelegt einerseits mit dem Bestreben nach „Gesellschaftstransformation“ verbindet und andererseits mit einer „Herrschaftstheologie“ belegt.

Die Frage nach der theologischen Einordnung dieses Konstrukts erscheint mir zentral für die gesamte Einordnung des Forschungsprojektes: Gibt es diese theologische Richtung, ist sie mit diesen Begriffen richtig wiedergegeben und wer vertritt sie wirklich? 

Als Grundlage für den „prozessual-millennialistischen Turn“ erwähnt die Autorin in der Entwicklung der Pfingstbewegung „eine Neuakzentuierung der Eschatologie …, die innerhalb des LRM [Latter Rain Movement – Spätregenbewegung], so Hunt, weniger pessimistisch als triumphalistisch angelegt sei“ (S. 122). Eine zweite Stimme führt sie an: „Allan Anderson merkt an, dass es gerade die Spätregenbewegung gewesen sei, die durch diese ‚Herrschaftstheologie‘ den ‚more recent shift away from premillennialism‘ hin zu einem eher optimistisch gefärbten Geschichtsverständnis beeinflusst habe“ (S. 123).

Diese Entwicklung in der Spätregenbewegung weitet sie im Folgenden auf die ganze Pfingstbewegung und von hier aus auf die KiNC-Netzwerke. Hier wären weitere Belege hilfreich gewesen, um nachvollziehbar zu machen, inwieweit die Bestimmung und Ausweitung gerechtfertigt ist. Wie hat sich in den Verbänden der Pfingstkirchen die offizielle Eschatologie entwickelt? Gab es eine Verschiebung weg vom Prämillennialismus und wurde diese tatsächlich mit „Herrschaftstheologie“ verbunden? Hat sich diese Entwicklung dann auf andere christliche Kreise ausgeweitet?

Meine Beispiele (s.u., 6.1–6.6) werden zeigen, dass die These ihrer Überprüfung an den einzelnen Akteuren nicht standhält. Die pauschalen Begriffe suggerieren einen thematischen Komplex, der bei den allermeisten Akteuren in keinster Weise vorhanden ist. Hier erweisen sich die Begriffe der Autorin als irreführend:

  • Mit dem Begriffsanteil „Millennialismus“ stellt M. Hinsenkamp das Verhältnis zur Gesellschaft in einen eschatologischen Deutungsrahmen: Christen, die von Gottes Reich sprechen und es durch ihren Einsatz in verschiedenen Gesellschaftsbereichen fördern wollen, würde es darum gehen, dass damit „bereits gegenwärtig die endzeitliche Vorstellung des Tausendjährigen Reiches … vorbereitet und antizipiert wird, in der das Gottesreich seine vollkommene Aufrichtung erlangt“ (S. 19, vgl. 3.1). Das würde bedeuten, dass die vielen genannten „KiNC-Akteure“ bei einer „Reich-Gottes-Perspektive“ tatsächlich an eine schrittweise Etablierung des Tausendjährigen Reiches denken. Doch das unwegsame Terrain der Endzeitfahrpläne spielt meiner Beobachtung nach bei den meisten Akteuren heute keine Rolle mehr. Stattdessen gilt als Zielperspektive meist die Vollendung in der neuen Welt (im „Himmel“). (Vgl. die Beispiele 6.1–6.6.)
  • Diese Vollendung wird zudem bei den meisten in einem klaren Gegensatz dem Hier und Jetzt gegenübergestellt, sodass gerade kein prozessualer Übergang anvisiert ist. Die eschatologische Aufladung der Autorin verdeckt die Tatsache, dass das „Reich Gottes“ schlicht ein zentraler Begriff im Neuen Testament ist, der besonders von Jesus Christus selbst verwendet wird und in den AT-Ankündigungen des kommenden Messias und seines Reiches vorbereitet wird. Dieses Reich steht in der Spannung zwischen „jetzt schon (angebrochen)“ und „noch nicht (vollendet)“, seit Jesus seine Jünger zu Beginn der Apostelgeschichte mit der Aussicht entlassen hat, nun in der Kraft des Heiligen Geistes seine Zeugen zu sein, bis er wiederkommt, anstatt jetzt schon „das Reich (für Israel) aufzurichten“ (Apg 1,6-11). Darauf beziehen sich viele Akteure (vgl. 6.1–6.6).
  • Auch die weiteren verwendeten eschatologischen Kategorien bleiben unscharf. So schreibt sie den Prämillennialismus (als Vorgänger ihres postulierten prozessualen Millennialismus) ausschließlich John Nelson Darby zu und definiert ihn „als die Vorstellung der Entrückung eines ‚geretteten Rests‘ vor der ‚großen Trübsal‘ und damit auch eine exklusiv negative Weltsicht, die die geschichtlichen Entwicklungen rein pessimistisch beurteilt“ (S. 189f). Darby hat im 19. Jahrhundert den Dispensationalismus begründet (inkl. eines dispensationalistischen Prämillennialismus), während der historische Prämillennialismus ein viel breiteres Konzept ist, das vermutlich heute noch von vielen Evangelikalen vertreten wird. Auch die „exklusiv negative Weltsicht“ führt zu eng, denn der klassische Prämillennialismus beinhaltet vor allem die Vorstellung, dass es am Ende große Turbulenzen gibt (große Trübsal), während der Lauf der Geschichte nicht stetig bergab gehen muss. Der historische Prämillennialismus kann zugleich die wirkliche Gegenwart des Reiches Gottes, erfolgreiche Mission, Erweckung, gesellschaftliche Verbesserungen und positives göttliches Handeln innerhalb der Geschichte bejahen – also genau die Bereiche, die Hinsenkamp als Indikatoren für eine Abkehr vom Prämillennialismus und Hinwendung zum prozessualen Millennialismus wertet. Die attestierte pessimistische Weltsicht ist dagegen charakteristisch für den Dispensationalismus, der sich vor allem in klassischen Brüdergemeinden und einigen russlanddeutschen Gemeindemilieus findet – diese sind aber gerade nicht Gegenstand der Arbeit. Der Prämillennialismus taugt also nicht als Kontrastfolie für ihre These.

So entpuppt sich der von der Autorin behauptete „prozessual-millennialistische Turn“ (S. 151, 420, 425) als eine Fiktion, die nicht zu halten ist. Aus ihren eigenen Darstellungen wird stattdessen immer wieder erkennbar: Dort, wo sich Gemeindeströmungen von einem klar umrissenen pessimistischen Prämillennialismus abgewandt haben, haben sie ihn modifiziert (hin zu einer Haltung von „Suchet der Stadt Bestes“, vgl. 5.3) oder sind zu amillennialistischen Positionen gewechselt („Kein-Millennium“, also das Tausendjährige Reich aus Offenbarung 20 nicht als die große zusätzliche Epoche). Diese Wendung hat den Blick auf eine diesseitige Welt freigegeben, die nicht einfach nur dem Untergang geweiht ist, sondern vor Gott wertvoll ist in ihrer Ganzheit als Schöpfung (vgl. bes. 6.4 Keith Warringtons „Paradigmenwechsel“). Christen scheinen mit dem Bezug auf das „Reich Gottes“ vor allem die transkonfessionelle Zusammenarbeit zu betonen, in der nicht mehr die kleinen „Reiche“ von Kirchen und Denominationen im Fokus stehen, sondern Gottes großes Ganze, an dem jeder auf seine Weise mitarbeitet. Die Beispiele unter 6.1–6.6. sollen exemplarisch aufzeigen, dass sich die Renaissance des Begriffs „Reich Gottes“ seit den 1990ern/2000ern nirgends außer gelegentlich im „Netzwerk A“ (USA, vgl. 5.1) auf machtpolitische Ambitionen bezieht.  

Ähnlich unbegründet erscheint auch die suggerierte Assoziation von „Gesellschaftstransformation“ mit den Ambitionen einer Herrschaftstheologie. Der Begriff „Gesellschaftstransformation“ wird von unterschiedlichen christlichen Strömungen verwendet:

  • Auch die EKD spricht von Gesellschaftstransformation (im Sinne von „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“).
  • Auch die katholische Soziallehre spricht von der „Transformation“ von Wirtschaftsstrukturen etc. und 2014 forderten evangelische und katholische Kirche gemeinsam eine „grundlegende gesellschaftliche Transformation“.
  • In der missional-evangelikalen bzw. ganzheitlich-missionarischen Theologie (z.B. Johannes Reimer, Miroslav Volf) wird Mission nicht auf das einzelne Seelenheil beschränkt, sondern soll auch strukturelle Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse bewirken.
  • Timothy Keller (2023) und sein City-to-City-Netzwerk denken und leben geistliche Erneuerung auch in ihren Auswirkungen auf Gesellschaft und Kultur (transformation), insbesondere im unmittelbaren Umfeld.
  • Jede Erweckungsgeschichte birgt faszinierende Beispiele, wie geistliches Erwachen konkrete Segenswirkungen für die Lebensverhältnisse der menschlichen Gemeinschaften hatte.

Mit welchem Recht verwendet Maria Hinsenkamp eine Abwendung vom dispensiationalistischen Prämillennialismus, den Begriff „Reich Gottes“ und das Wort „Gesellschaftstransformation“ als Indikatoren für versteckte Herrschaftstheologie?

Solche Beispiele unbegründeter Zuschreibungen gibt es viele. Ein paar Meilensteine will ich herausgreifen:

6.1 Beispiel: Lausanner Bewegung

Die Lausanner Bewegung umfasst große Teile des evangelikalen und charismatischen Spektrums. Entsprechend sagt die Autorin ihr eine Schlüsselfunktion in der Ausbreitung der prozessual-millennialistischen Theologie nach und attestiert, „dass sich das transformatorische Gedankengut der KiNC auch hier niederschlägt … Die [Lausanner] Verpflichtung ruft dazu auf, in der Welt Führungs- und Verantwortungspositionen zu übernehmen, damit die jeweiligen gesellschaftlichen Bereiche aktiv mit christlichen Werten und Ansichten zu gestalten und die entsprechenden Diskurse zu beeinflussen. Zwar wird auf ein allzu offensichtliches KiNC-Vokabular verzichtet (zum Beispiel die ausdrückliche Forderung nach einer ‚Reformation‘ oder das öffentliche Bekenntnis zu einer prozessual-millennialistischen Eschatologie mit apokalyptischen Anleihen, wie sie in manchen KiNC-Netzwerken zu finden sind), gesellschaftstransformierende Absichten werden dennoch deutlich.“ (S. 231) Entsprechend ist auch die Lausanner Bewegung im Schaubild der „deutschsprachigen KiNC-Landschaft“ eingetragen (S. 283, vgl. Abbildung oben).

Auffällig ist hier wie an anderen Stellen, dass die Autorin das Fehlen ausdrücklich prozessual-millennialistisch gefärbter Herrschaftstheologie damit erklärt, dass man bewusst (aus strategischen Gründen) „auf ein allzu offensichtliches KiNC-Vokabular verzichtet“ (S. 231) – anstatt sich auf die Suche zu machen, welche Aussagen zum Themenkreis sich in der Lausanner Verpflichtung von 1974 finden. Diese enthält nämlich eine klare Absage an „prozessual-millennialistische“ Ambitionen, wenn sie in § 15 erklärt: „Deshalb widerstehen wir dem stolzen und selbstsicheren Traum, daß die Menschheit jemals Utopia auf Erden bauen kann.“ Die „Soziale Verantwortung der Christen“ (§ 5) wird in einem historischen Ausmaß betont, doch niemals eschatologisch begründet: Jeder Mensch besitzt als Ebenbild Gottes Würde und Christen sind zur Nächstenliebe verpflichtet, deshalb sollen sie gegen „Entfremdung, Unterdrückung und Diskriminierung“ eintreten, „Bosheit und Unrecht anprangern“ und „versuchen, Seine Gerechtigkeit … inmitten einer ungerechten Welt auch auszubreiten“.

6.2 Beispiel: Loren Cunningham und Bill Bright

Weitere Brückenköpfe sieht sie in Loren Cunningham (YWAM/JmeM) und Bill Bright (Campus für Christus), die angeblich „bereits ab 1975“ die „Idee des so genannten Dominionism, also der Herrschaftstheologie … entwickelt und in neo-charismatischen und evangelikalen Kreisen in Umlauf gebracht“ hätten, „so dass sie sich um die Jahrtausendwende im Kontext der Entstehung der internationalen KiNC … zur zentralen identitätsstiftenden Vision etabliert hat“ (S. 186). Am Ende der Arbeit resümiert sie: „Dieses … maßgeblich von Loren Cunningham und Bill Bright entwickelte und im neo-charismatischen Raum Verbreitung findende Konzept [der Herrschaftstheologie] ermöglicht den endgültigen ‚prozessual-millennialistischen Turn‘, der … innerhalb der verschiedenen neo-charismatischen Bewegungen eine sukzessive Abkehr von einem bis dahin vorherrschenden Prämillennialismus nach sich gezogen hat.“ (S. 425) Doch Loren Cunningham und Bill Bright ging es nie um Herrschaft von Christen (vgl. Ausblick), sondern erst Lance Wallnau hat aus ihrem Seven Mountains Mandate einen Appell zur politischen Einflussnahme gemacht. Bezeichnend ist, dass M. Hinsenkamp ihren einzigen Beleg nun auf der Darstellung von Wallnau aufbaut, anstatt nach Selbstaussagen von Cunningham und Bright zu suchen, wenn sie ihnen die Absicht zuschreibt, „die Gesellschaft einer Nation (zurück) zu einem Glauben an Gott führen zu können“ (S. 187).

Auch bei anderen Vertretern einer Reich-Gottes-Perspektive entdeckt man alles andere als einen Umschwung zu „Herrschaftstheologie“:

6.3 Beispiel: John Wimber

John Wimber, der von ihr als wesentliche Figur in der „‚Charismatisierung‘ beziehungsweise ‚Pentekostalisierung‘ des Evangelikalismus“ genannt wird (S. 131) und dessen „Vineyard-Bewegung … konstitutiv für die Entstehung der KiNC war“ (S. 125), steht für sie für „Die Forderung nach einem Paradigmenwechsel im Weltbild und das ‚Reich Gottes‘ als zentraler Topos“ (IV.1.3.1, S. 132ff). Diesen Paradigmenwechsel beschreibt sie selbst als Überwindung der „„Ausblendung der geistlichen Sphäre“, die sich in Wimbers Rechnen mit dem Übernatürlichen im Power Encounter und Power Evangelism zeigte (S. 133). Die von ihm geforderte neue „Reich-Gottes-Perspektive“ charakterisiere er durch eine „Ewigkeitsperspektive“, „ein Bewusstsein für die Wirkkraft geistlicher Mächte“ und „ein Wahrheitskonzept, das ‚übernatürlich‘ gegründet ist (S. 133). „Mission wurde folglich auch als kingdom conversion verstanden, da jeder, der sich durch den Glauben an Christus bekehrt hatte, begreifen musste, dass dies bedeute, nun ein ‚Staatsbürger‘ im Reiche Gottes zu sein“ (S. 134).

Außerdem benennt sie zutreffend seine theologisch bedeutsame Trennung zwischen dem „Schon jetzt“ und „Noch nicht“ des angebrochenen, aber noch nicht vollendeten Gottesreiches, die eigentlich ihrem „prozessual-millennialistischen“ Konzept entgegensteht: „Seiner Ansicht nach war die Vorstellung des Reiches Gottes durch den Spannungsbogen hinsichtlich der Frage nach dessen Anbruch geprägt, der sich nämlich sowohl ‚schon‘ als auch ‚noch nicht‘ ereignet habe.“ (S. 134) Dann folgt sie der Monografie von John Beavers zur New Apostolic Reformation, demzufolge „gerade … [diese] Spannungen in den Reich-Gottes-Vorstellungen Wimbers … den Weg für die innerhalb der KiNC verbreitete ‚Herrschaftstheologie‘ (dominionist theology) geebnet“ hätten und „mitverantwortlich gewesen“ seien „für die diesseitigere Ausrichtung, die von Vineyard inspirierte charismatische Gemeinden mit dem Kollaps des prämillennialistischen Würgegriffs des Evangelikalismus in den 1980ern und 1990ern eingeschlagen“ hätten (S. 135, bei Hinsenkamp im engl. Original).

Wenn sie daraufhin diese „Position …, die tendenziell optimistisch transformatorisch charakterisiert werden kann und sich damit von einer pessimistisch und destruktiv gefärbten Grundhaltung des Dispensationalismus unterscheidet“, wiederum mit ihrem Begriff „prozessual-millennialistisch“ belegt (S. 135), fehlt auch hier wieder jeder Beleg einer politisch gefärbten Herrschaftstheologie. Trotzdem fällt ihr Fazit so aus: „Somit bilden die von Wimber geprägten Themen auch die theologische Grundlage für die weitere Entwicklung großer Teile der ‚Dritten Welle‘ des Neo-Pentekostalismus, … schließlich für die KiNC.“ Hier findet sich wieder ihr eigentümliches Oszillieren zwischen engen Zuschreibungen (bedenkliche „Herrschaftstheologie“) und weiten Darstellungen, wenn sie hier lediglich aufzählt: „… Zu nennen ist mit Blick darauf zunächst der Fokus auf die kooperative Beteiligung am Kommen des Reiches Gottes, dann die Forderung nach einem Paradigmenwechsel im Weltbild, das von einem steten, agonistischen Kampf gegen dämonische Mächte und die Herrschaft Satans ausgeht“ (S. 137). Unterm Strich ist eigentlich nichts konkret Negatives über John Wimber gesagt, aber trotzdem soll gerade seine Theologie den Weg für die KiNC-Herrschaftstheologie geebnet haben (s.o.).

6.4 Beispiel: Keith Warrington

Auch den langjährigen JmeM-Leiter Keith Warrington (Neuseeländer in Deutschland) zählt Maria Hinsenkamp zum Kreis „wichtiger KiNC-Persönlichkeiten und Akteur:innen“ (S. 319). Mit seinem Buch Das Reich Gottes: Die Vision wiedergewinnen (2011/13, einem „Standardwerk“) sei er jemand, der „sich seit vielen Jahren für einen ‚Paradigmenwechsel‘ mit Bezug auf das Reich-Gottes-Verständnis und die Implikationen einsetzt, die dieses für eine entsprechende Gesellschaftstransformation hat“ (S. 335).

Das klingt im Rahmen ihrer Ausführungen danach, ob Warrington nun auch prozessual-millenialistische Herrschaftstheologie betreibe und potenziell zum christlichen Nationalismus neigen könnte. Stattdessen beschreibt er in seinem Buch ausführlich, was Reich Gottes ist und was nicht, und grenzt sich dabei auch ausdrücklich von jeder Form von (auch christlichem) Nationalismus ab: „Nationalismus, die Ursache vieler Kriege, ist Götzendienst … Die nationale Identität muss sich Jesus unterordnen … Freuen wir uns an den für unser Volk typischen Eigenschaften, ebenso wie an denen anderer!“ (Reich Gottes, S. 231)

Stattdessen hat sein „Paradigmenwechsel“ eine völlig andere Stoßrichtung: „Ein neues Paradigma tat sich mir auf … Natürlich behielt es Errettung und Evangelisation unbedingt bei, stellte diese aber in einen breiteren Lebenszusammenhang. Es gab mir eine Grundlage, auf der ich das ganze Leben als eine Einheit sehen konnte … Wir lernten, jeden Bereich unseres Lebens für Gott und auch für uns selbst als wichtig anzusehen. Das wertete alles auf, weil nun alles ‚geistlich‘ war“ (Reich Gottes, S. 15). „Mir scheint, dass der Heilige Geist jetzt dabei ist, seine Gemeinde von der Ausrichtung auf die eigene Errettung und Jüngerschaft hin zu einer Gemeinschaft von Reich-Gottes-Bürgern zu entwickeln, die ganzheitlich in ihrer Welt leben und arbeiten“ (Reich Gottes, S. 17). Zu eschatologischen „Erwartungen für die Zukunft“ schreibt er, dass man sich nicht mit Festlegungen zum genauen Wie (also millennialistischen Positionen) aufhalten sollte; eins sei aber klar: „Gott treibt diese Entwicklung voran“ (S. 342 – also nicht die Menschen mit irgendeinem prozessual-millennialistischen Einsatz). Das Ausbreiten des Reiches beschreibt er so: „Jesus sagte, dass diese Entwicklung zu allen Nationen und unter alle ethnischen Gruppen gelangen soll, um dort überall Evangelisation, Heilung und soziale Reformen so weit wie möglich voranzubringen … Das ist der Sauerteig, der den Teig weltweit durchsäuert. Das ist das Reich, wie es sich ausbreitet.“ (S. 343)

Diese Beispiele sollen genügen, um zu zeigen, dass Keith Warringtons „Vision“ vom Reich Gottes rein gar nichts mit „prozessual-millennialistischer Herrschaftstheologie“ zu tun hat. Vermutlich haben die Schlagworte im Buchtitel zu derartigen Assoziationen angeregt, die man aber leicht nach einem Blick ins Buch hätte beiseitelegen können. 

6.5 Beispiel: Heinrich-Christian (Heiner) Rust

Auch der Begründer der GGE (Geistlichen Gemeindeerneuerung im Bund Evangelisch Freikirchlicher Gemeinden) wird von Maria Hinsenkamp häufiger erwähnt (mehr). Nicht selten zählt sie auf, mit wem er in welchen Gremien saß oder wem er ein Vorwort geschrieben hat. Seine theologische Ausrichtung, für die sie auch Vorträge vom CCD (Christlicher Convent Deutschland) anführt, deutet sie auf S. 390–395 in Richtung ihres „KiNC“-Konzeptes. Dazu führt sie seine auf Hoffnung ausgerichteten Bemühungen an, „die die eschatologische Vollendung der neuen Schöpfung aufzeigen und die Vorfreude auf die tausendjährige messianische Herrschaftszeit wachsen lassen“, seine Bemühungen um Einheit (das CCD-Verständnis als „Ökumene der Wahrheit“, „Ökumene der Sendung“, „Ökumene der Herzen“ und „Ökumene der Herrlichkeit“, S. 391), die auch gesellschaftlich spürbar werden könne (insbesondere durch eine „,Compassion‘, die zu ‚Ichlosigkeit, Besitzlosigkeit und Gewaltlosigkeit‘ befähige“, S. 392 – also gerade nicht durch Macht und Herrschaft). Auch Rusts Verständnis einer „Ökumene der Herrlichkeit“ entfaltet sie in Worten, die eigentlich nicht zu alarmieren vermögen: „Die ‚Ökumene der Herrlichkeit‘ bezieht sich auf die ‚gemeinsam erfahrene Gegenwart Gottes‘ und beschreibt die ‚doxologische Dimension der Ökumene‘, die Rust in der gemeinsamen Anbetung Gottes und der theozentrischen Fokussierung sieht, die einerseits die Perspektive auf irdische Dinge ordne (‚vor Gott relativiert sich alles andere‘), zweitens die geistliche Atmosphäre verändere und drittens die Christ:innen ‚eint und beflügelt‘“ (S. 392). 

Auch ihr letzter Kritikbereich kann nicht überzeugen: Dass Heiner Rust „betont …, dass gerade das gemeinschaftliche Hören auf das Reden Gottes, das aus der ‚synodalen Präsenz des Heiligen Geistes‘ heraus entstehe, entscheidend für kirchliche und ökumenische Prozesse sei und in Gestalt von prophetischen Worten [u.a.] … auftreten könne“, könnte man als die für Heiner Rust typische geistliche Offenheit bezeichnen, die eigentlich einer befürchteten Einflussnahme von selbstlegitimierten Propheten gerade entgegenstehen müsste.

Mit Rusts Aussage, dass „die sich im Kontext des CCD ereignenden Vollzüge ‚Auswirkungen auf die geistliche Welt haben‘“, ordne er „den CCD funktional in das universale geistliche Kampfesgeschehen ein“; damit stehe „auch im Kontext des CCD die Ausrichtung auf das Reich Gottes in einem prozessual-millennialistischen Sinne im Mittelpunkt“ (S. 394). Das belegt sie u.a. damit, „dass es [im CCD] nicht allein um die Zukunft der Kirche, sondern um das Reich Gottes als Ganzes gehe“, dass „der CCD darauf ziele, nicht allein leitende Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Kontext zu sammeln, sondern christliche Verantwortungsträger:innen aus allen Kernbereichen des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens“ und dass sich Kirchen nach Rust „ein neues Verständnis von der allumfassenden Spannweite des Reiches Gottes, seinem ganzheitlichen Einfluss und seiner ganzheitlichen Wirksamkeit notwendig anzueignen und die ‚transformative Kraft des Evangeliums‘ auf der persönlichen Mikroebene, der Mesoebene und der Makroebene neu zu entdecken hätten“, da in verschiedenen „Kultur- und Gesellschaftsbereiche[n] … das ‚Zeugnis von Christus‘ vorzuleben und einzubringen sei“ (S. 394).

Eigentlich wird schon aus ihren Worten sehr deutlich, dass Heiner Rust keine theokratischen Absichten hegt, wenn er das Reich Gottes in den Mittelpunkt stellt, das die Grenzen einzelner Gemeinden und Kirchen übersteigt. Im Vorwort zu Keith Warringtons erwähntem Buch bringt er sein Verständnis auf den Punkt: „Die Reich-Gottes-Berufung erfasst die Dimension der umfassenden Liebe zu Gott und Menschen, die verantwortliche Mitgestaltung in der Welt und schließlich auch die Weitergabe der guten Nachricht im Sinn der Evangelisation“ (Reich Gottes, S. 9f).

Er ist im Herbst 2024 verstorben und kann sich nun gegen die Unterstellungen nicht mehr persönlich zur Wehr setzen. Es dürfte aber keinen einzigen Menschen geben, der seine Predigten gehört, Bücher gelesen oder ihn persönlich gekannt hat (von denen ich viele kenne und zu denen ich selbst gehöre), der nur eine einzige Bemerkung von ihm wüsste, die ihn mit einer irgendwie gearteten Herrschaftstheologie in Verbindung bringen könnte. Stattdessen war es ihm gegen Ende seines Lebens ein zunehmendes Bedürfnis, die gesellschaftliche Mitverantwortung vor allem im Sinne einer ökologischen Verantwortung zu begreifen und neu zu denken (z.B. Zuhause in der Schöpfungsgemeinschaft. Dimensionen einer ökologischen Spiritualität, Neufeld 2021, und fromm + grün: Schöpfungsverantwortung und Nachhaltigkeit in der christlichen Gemeinde, hg. mit Thomas Kröck, Neukirchener 2022). 

6.6 Beispiel: Johannes Hartl

Damit sind wir in der Gegenwart angekommen, für die Maria Hinsenkamp als einen der zentralen Akteure Johannes Hartl ausgemacht hat (s.o. 1.): Volle 200-Mal fällt sein Name in der Dissertation, meistens einfach in Verbindung mit seinen vielfältigen Aktivitäten im Gebetshaus Augsburg, seinem Videokanal oder als (Mit-)initiator von Initiativen wie Deutschland betet (gemeinsam) oder Eden Culture. Erwähnt werden zahlreiche Kontakte zu Personen aus der Gebethausbewegung in den USA, die im dortigen Kapitel in eines der „KiNC-Netzwerke“ eingeordnet wurden, u.a. Mike Bickle und Lou Engle. Grundsätzlich sieht sie in seiner Betonung von Gebet als geistlicher Kraft mit Auswirkungen eine Verbindung zur „KiNC-Spiritualität“ (S. 350–52, „eine starke Kongruenz Hartls theologischer Gedanken zum Thema Gebet vor dem Hintergrund geistlicher Kampfesrhetorik mit den internationalen und nationalen KiNC-Strömungen“).

Auch eine prozessual-millennialistische Ausrichtung sieht sie vorhanden und zitiert dafür Hartls Worte aus In meinem Herzen Feuer: „‚Und der Tag wird kommen, wo er kommt (…). Es werden viele kleine Tage kommen, wo er sanft vorübergeht. Und eine betende Kirche wird immer mehr Tage erleben, wo er mit Vollmacht kommt, und Erweckung und Wunder geschehen.“ – Das „immer mehr“ deutet sie hier also eschatologisch anstatt als Gebetsfolge (und die Wiederkunft Jesu wird wieder mit dem Millennium verwechselt).

Bei Eden Culture will die Autorin die Grundkoordinaten ihrer „KiNC“-Theologie wiederfinden: Der Begriff deutet auf „die Bedeutung der Paradies-Erzählung der Genesis als ideelle Koordinatenachse“; „Hiernach erkennt der Mensch die Herrschaft Gottes an, folgt dessen Willen und kommt dem ihm übertragenen Herrschaftsauftrag (dominion) nach“ (S. 299). Durch das Ziel eines Eden 2.0 erhalte das Projekt eine „eschatologische Perspektive“ (S. 301). Diese assoziiert sie mit „codierten Ausdrücken aus dem Kontext gesellschaftstransformatorischer Herrschaftstheologie anderer synchroner Netzwerkkontexte“ und zitiert dafür Hartl mit seinem Satz: „Menschen, die vom Geist des Lebens beseelt sind, bereiten dieser Gartenstadt den Weg. Sie prägen die Kultur durch Verbundenheit, Sinn und Schönheit“ (S. 302). In der Formulierung, mit der Hartl das Feld gerade auch für Nichtchristen öffnen will, sieht sie eine „Chiffre für die im Geist getauften Menschen“, sodass es „zu einer enormen Relevanzsteigerung der einzelnen christlichen Person führt, von der in gewisser Weise die weitere Zukunft auf der Erde … abhängig gemacht wird“. Wenn sie in der Fußnote Hartls Konzept ergänzt, dass er „von zwei Entwicklungssträngen aus[geht], die parallel zueinander verlaufen: Auf der einen Seite der Entstehungsprozesses von ‚Eden 2.0‘ und auf der anderen Seite ein destruktiver Entwicklungsprozess, der sich darin äußert, dass ‚Menschen immer wieder neue und spektakuläre Versionen des Turms von Babel ersinnen werden‘“, verschiebt sich also die ganze Perspektive hin zu einem spezifisch christlichen Unterfangen, sodass sie folgert: „Hier lassen sich also deutliche, aber eben kontextualisierte (und neu codierte) Analogien zu den eschatologischen Vorstellungen des prozessualen Millennialismus erkennen“ (S. 302).

Ihr Fazit: „Eden Culture kann als Fortsetzung der Bemühungen um Teilhabe an und Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen Diskurs gesehen werden, mit dem Ziel, ein bestimmtes Menschen-, Gottes- und Weltverständnis mit entsprechenden Auswirkungen auf Lebensführung und Sinnfragen zu prägen“ (S. 300). So fragt sie weiter unter der Überschrift: „VI.2.3.3 Gesellschaftstransformation – oder doch ein subversiver Kulturkampf?“ (S. 306) Dabei attestiert sie Eden Culture zum einen, dass man „um die Wahrnehmung als eine intellektuell ernstzunehmende und konstruktiv zu den gesamtgesellschaftlichen Debatten beitragende Größe bemüht [ist]. Kontakte mit Personen am rechten Rand oder eine allzu starke öffentliche Fokussierung auf polarisierende Themen werden tendenziell vermieden. Nichtsdestoweniger spielen solche Themen eine Rolle“, was sie mit der Einladung von Gabriele Kuby zur MEHR-Konferenz 2017 und den Eden Culture angeschlossenen Denkwerk-Tagungen belegt, wo sich Bernd Wannenwetsch 2021 kritisch gegenüber einem „‚höchst aggressiven Trans-Aktivismus‘“ geäußert habe (S. 306). Außerdem führt die Autorin das Endorsement an, das Johannes Hartl für Gabriele Kubys Buch Christliche Prinzipien des politischen Kampfes verfasst hat (S. 307). Man erfährt, dass er „sich hier uneingeschränkt positiv“ äußert, ohne Einblick zu bekommen, wie G. Kuby diese Prinzipien fasst – die Tatsache, dass hier Menschen eine politische Auseinandersetzung um bestimmte sexualethische Themen für nötig halten, reicht aus, um von einem aktiven, bedenklich rechten „subversiven Kulturkampf“ des Unternehmens Eden Culture auszugehen. Außerdem zieht sie eine strukturelle Analogie zu Bethel: „Die Absicht, eine ganze Gesellschaftskultur zu prägen, hat ihre Parallele beispielsweise auch in dem von Bethel propagierten Konzept der ‚Kultur der Ehre‘.“ (S. 299)

Hier finden wir die gleiche maximale Assoziationslogik, die sich durch die ganze Dissertation zieht: Obwohl die Autorin bescheinigt, dass Eden Culture „bezüglich ihrer gesellschaftspolitischen Gesprächspartner:innen um eine dezidiert inklusive und plurale Aufstellung bemüht ist“ (S. 304), reicht der Hinweis auf zwei Referenten mit konservativen sexualethischen Ansichten aus, um eine rechtspolitische Agenda zu suggerieren. Die „inhaltlichen Schnittmengen“ zu „entsprechenden wertekonservativen politischen Milieus“ werden betont, obwohl Johannes Hartl „auf einen allzu öffentlichen Schulterschluss mit entsprechenden wertekonservativen politischen Milieus“ verzichte (S. 307). „Bemühungen um … Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen Diskurs“ (s.o., eigentlich ein grunddemokratisches Anliegen) werden auch hier in eine eschatologisch ausgerichtete Herrschaftstheologie eingeordnet.

Auch hier lohnt sich der Reality-Check: Lässt sich Johannes Hartl tatsächlich bei herrschaftstheologischen Absichten einordnen? Hier gibt es klare Selbstaussagen. Neben übereinstimmenden Aussagen in seinen Podcasts, dass er sich als Theologe und Philosoph äußere und keine politische Agenda verfolge, hat er inzwischen konkret zu den bestehenden Unterstellungen Stellung bezogen (Video vom Mai 2026; zur Dissertation: Minute 31-38). Außerdem hat er zusammen mit Manfred Schmidt (GGE Deutschland/ev. Kirche) ein theologisches Leitbild zum Reich Gottes erarbeitet, das die vorhandenen Impulse eines christlichen Nationalismus in den USA äußerst kritisch bewertet und eine biblisch-theologische, geistliche Sicht des Reich Gottes skizziert. Mehr Klarheit ist nicht möglich, um sich von Maria Hinsenkamps Unterstellungen zu distanzieren.

Diese Beispiele sollen zeigen, dass Maria Hinsenkamps Konstrukt einer „prozessual-millennialistischen Herrschaftstheologie“, die auch der deutschsprachigen „KiNC-Spiritualität“ zugrunde liegen soll und die übrigen vier „Visionen“ treiben soll, bei näherer Betrachtung völlig in sich zusammenbricht.

7. Ergebnis und Ausblick

7.1 Ergebnis

Die Detailanalyse hat ergeben, dass Maria Hinsenkamps These einer „prozessual-millennialistischen Herrschaftstheologie“, die weite Teile des evangelikal-charismatischen Spektrums (inklusive der katholischen Charismatischen Erneuerung) betreffen soll, nicht aufrechterhalten werden kann.

Damit entbehrt ihr Akronym einer Kingdom-Minded Network Christianity (KiNC) seiner theologischen Grundlage und verweist lediglich auf gewachsene transkonfessionelle Zusammenarbeit in organischen Netzwerken von Christen, die seit der Jahrtausendwende in wachsendem Maße vom „Reich Gottes“ sprechen, weil sie damit die Grenzen ihrer eigenen Gemeinden und Verbände zum einen in Richtung auf überdenominationelle Kooperation überschreiten und zum anderen in Richtung eines ganzheitlichen, nicht nur auf Bekehrung ausgerichteten Weltverhältnisses.

Eine christliche „KiNC-Landschaft im deutschsprachigen Bereich“ mit herrschaftstheologischen Zügen ist eine Fiktion von Maria Hinsenkamp. Eine Revision der Pauschalvorwürfe ist dringend geboten.

Die erheblichen methodischen Mängel ziehen sich durch die ganze Arbeit (vgl. 4.) und führen darauf hinaus, dass am Ende das als Ergebnis präsentiert wird (S. 419ff und S. 470ff), was im Wesentlichen schon im Anfangsteil eingebracht wurde (s.o., 3.). Die Überprüfungen, insbesondere in den Beispielen 6.1–6.6, haben gezeigt, dass ihre Thesen in großem Umfang falsifizierbar sind.  

Daher sind nun auch die von ihr im Schluss-Teil C aufgezeigten politisch-gesellschaftlichen Problemhorizonte radikal zu überdenken:

  • (S. 427) „Damit ist das ökumenische Engagement der KiNC eng mit dem Streben nach Partizipation an gesellschaftlichen Diskursen und weltanschaulichem Einfluss verbunden. Engmaschige und in alle kirchlichen Bereiche hinein verzweigte transkonfessionelle und ökumenische Allianzen, die auf qualitative Beziehungspflege setzen, gleichen damit die quantitative Unterlegenheit der KiNC aus.“
  • (S. 446) „Mit Blick auf das Reich-Gottes-Verständnis läuft … die agonistische Orientierung Gefahr, eine exklusivistische Weltanschauung zu fördern, wenn die Welt und ihre immanenten Geschehnisse dualistisch in zum ‚Reich Gottes‘ und zum ‚Reich Satans‘ zugehörig kategorisiert und – verstärkt durch die Mittel der ‚geistlichen Kampfführung‘ – sowohl Individuen als auch ganze Volksgruppen, gesellschaftliche Bereiche, Kulturen, Landstriche, Regionen und Religionen als dämonisch belastet ausgewiesen werden können.“
  • (S. 471) „Die KiNC befindet sich in einem kontinuierlichen Ausbreitungs- und Syntheseprozess, in den nicht nur neo-charismatische, evangelikale und römisch-katholische Strömungen eingebunden sind, sondern der auch verstärkt evangelisch-landeskirchliche und ökumenische Akteure tangiert … Der prozessuale Millennialismus stellt die theologisch-weltanschauliche Grundlage für umfassende gesellschaftstransformatorische Bestrebungen dar, die eine Spiritualisierung aller kollektiven und individuellen Lebensvollzüge zur Folge hat. Zur visionären Umsetzung hat sich eine Fülle agonistisch orientierter Spiritualitätspraktiken herausgebildet, die das konkrete gesellschaftspolitische und -kulturelle Engagement unterstützend begleiten, das auf visionär-weltanschauliche Einflussmaximierung und Diskurspartizipation ausgerichtet ist.“
  • (S. 472) „Wie kann eine inhaltlich reflektierte Rezeption (populärer) KiNC-Glaubensprodukte aussehen, sodass sie sich nicht zu ‚trojanischen Pferden‘ entwickeln? In welchen Kontexten und auf welche Weisen können relationale und visionäre Mechanismen auf ihre ihnen systemisch inhärenten ‚weichen‘ Machtstrukturen hin analysiert werden?“
  • (S. 472) „Wie gelingen eine Auseinandersetzung und ein konstruktiver Umgang mit problematischen inhaltlichen Entwicklungen, die nicht nur innerkirchlich und ökumenisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich relevant und folgenreich sind? Wie können Ideologisierungstendenzen und die Gefahren eines christlich forcierten gesellschaftlichen Kulturkampfes vermieden und abgeschwächt werden? Wie geht man mit eschatologisch aufgeladenen und holistischen Spiritualisierungsbestrebungen um, die sich durch ihre geistliche Legitimation leicht rationalen, kritischen und pluralitätssensiblen Diskursen und Anfragen entziehen?“
  • (S. 473) „Muss angesichts transkonfessioneller Verschiebungen und visionärer und relationaler Funktionsweisen über neue Grenzziehungen im ökumenischen Diskurs reflektiert werden?“

7.2 Ausblick

Die pauschalisierten Thesen von Maria Hinsenkamp entbehren ihrer faktischen Grundlage und überziehen Millionen von Christen im deutschsprachigen Bereich mit haltlosen Unterstellungen. Gleichwohl enthalten die Ansätze der Dissertation interessante und relevante Fragen, zumal die angesprochenen Entwicklungen in den USA viel Unbehagen unter Christen im deutschsprachigen Bereich ausgelöst haben. Für einen konstruktiven Ausblick empfehlen sich daher folgende Fragen:Für einen konstruktiven Ausblick empfehlen sich dagegen folgende Fragen:

  • Was bleibt von herrschaftstheologischen Vorwürfen, wenn die eschatologischen Konzepte einer sauberen Begriffsrevision unterzogen werden? („prozessualer Millennialismus“ als Verbindung von Gesellschaftstransformation, Herrschaftstheologie und Millenniumserwartung, vgl. 6) Werden die meisten genannten deutschsprachigen Akteure durch die Zitate letztlich nicht – einfach gesagt – schlicht als Christen porträtiert, die sich auf den Himmel freuen und bis dahin nicht nur in ihrem Kämmerlein hocken wollen, sondern über den Tellerrand ihrer Gemeinde gucken und Gottes Segen in ihrem Umfeld weitergeben wollen?
  • Wie können die schillernden Kriterien (vgl. 4.1) präzisiert werden, um eine belastbare Definition von dominionism/„Herrschaftstheologie“ zu entwickeln, der nicht alles unterworfen wird, was sich um einen positiven Einfluss in seinem gesellschaftlichen Umfeld bemüht? Was bleibt, wenn die Kritik am „agonistischen Weltbild“ oder einer „Spiritualisierung“, die eigentlich nichts mit innerweltlichen Herrschaftsambitionen zu tun haben, vom Kriterienkomplex entkoppelt wird? Gleiches gilt für wertekonservative Positionen, die in der Arbeit pejorativ einem „Kulturkampf“ zugeordnet werden.
  • Wer in den USA (neben C. Peter Wagner, † 2016, oder Lance Wallnau) vertritt tatsächlich einen dominionism? Wo sind damit tatsächlich politische Machtpositionen anvisiert und wo geht es um eine geistliche, kulturelle etc. Umsetzung des Schöpfungsauftrags? (mehr) 
  • Wo spiegeln sich im deutschsprachigen Bereich tatsächlich solche problematischen Konzepte? Ist z.B. der Einfluss der Bethel Church auch in diesem Kontext zu sehen oder hat die Arbeit auch hier geistliche Kategorien auf politische Ambitionen übertragen? Durch die maximale Ausweitung der inhaltlichen und relationalen Kriterien wird eine sinnvolle Auseinandersetzung mit tatsächlich bedenklichen (von der Bibel nicht gedeckten) Konzepten gerade verhindert. Hier gibt es durchaus Arbeit zu tun, die sich Akteure vorgenommen haben. (Mehr zur Situation in Deutschland und zu Enthüllungen über die Bethel-Church.)
  • Wo hat eine Betonung des Apostolischen und Prophetischen tatsächlich zu freischwebenden Autoritäten ohne ausreichende externe Legitimation und ggf. gar zu Machtmissbrauch und „Guru-Strukturen“ geführt? Welche Mechanismen spielen hier eine Rolle und wie unterscheiden sie sich etwa vom Apostolischen Konvent in Deutschland? (Vgl. zur Verwendung des Apostolischen im deutschsprachigen Raum das Buch von Stefan Vatter, GGE-Vorsitzender 2012–2022 und Initiator des Apostolischen Konvents: Finden, fördern, freisetzen: Wirksam führen – die Wiederentdeckung des apostolischen Dienstes.)

Eine Revision der pauschalen „KiNC“-Thesen der Autorin dringend geboten, um weiteren Schaden abzuwenden und Millionen Christen vom Vorwurf rechsautoritärer Tendenzen freizusprechen. Hier empfehlen sich insbesondere folgende Fragen:

  • Wo haben andererseits die vielen Falschbehauptungen der Autorin schon realen Schaden angerichtet? Und wie können sie in der Öffentlichkeit korrigiert werden? Diese Frage richtet sich auch an die vielen zu Unrecht einer Herrschaftstheologie bezichtigten Akteure im deutschsprachigen Bereich und lädt zu ähnlichen Gegendarstellungen ein wie die von Johannes Hartl (vgl. 6.6) oder der Geistlichen Gemeindeerneuerung (GGE) im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) ein.
  • Aufschlussreich wäre auch die Frage, ob das Gedankengebäude von Maria Hinsenkamp den Kriterien einer klassischen Verschwörungstheorie entspricht. Die in dieser Analyse beobachteten willkürlichen Zuschreibungen, die postulierte Fokussierung vieler augenscheinlich heterogener Akteure auf eine gemeinsame, tendenziell politische Agenda sowie die häufigen Vermutungen, dass das wirklich Gemeinte öffentlich nicht gesagt würde, weisen in diese Richtung. (Bei der Autorin scheint das eigene Weltbild eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen: Sie ist eindeutig im linken politischen Spektrum verortet, wenn sie sich z.B. auf taz-Interviews stützt und als kritische Belege immer wieder Verbindungen zu Politikern von CDU/CSU nennt, während sie bei anderen Politikern die Parteizugehörigkeit unerwähnt lässt. Eine umfassendere Untersuchung auf selektive Darstellungen könnte ein breiteres Bild liefern.)
  • Wie kann eine biblisch gegründete Lehre vom Reich Gottes aussehen, die die Fallen einer falschen Herrschaftstheologie vermeidet? Unerlässlich für die weitere Diskussion ist die Betrachtung, was in der Bibel zum Begriff „Reich Gottes“ zu finden ist. Jesus selbst verwendet „Reich Gottes“ (bzw. „Himmelreich“/Mt) über 100-Mal; „Das Reich Gottes ist nahe“ ist eine seiner Kernbotschaften. In Joh 18,36 sagt er: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, und lebt dies mit aller Konsequenz bis zum Tod am Kreuz. „Dein Reich komme“ ist Teil des Vaterunsers, das Christen aller Kirchen beten. Die Verwendung des Begriffs kann also theologisch nicht prinzipiell unter Verdacht gestellt werden. (Vgl. z.B. das Leitbild von Johannes Hartl und Manfred Schmidt zum Reich Gottes oder Stellungnahmen zum Verhältnis zur Politik von JESUS25 und zum Christlichen Nationalismus von der Europäischen Evangelischen Allianz)

Zum Schluss noch eine grundlegende Bemerkung:

  • Am Ende läuft vieles auf die Grundfrage hinaus: Welche Rolle spielt das Forschungsprinzip etsi Deus non daretur („als ob es Gott nicht gäbe“) für die Ausrichtung der Dissertation? Es fällt auf, dass „Gott“ oder „Jesus“ nicht als reale Größen vorkommen, sondern lediglich aus Aussagen von Akteuren zitiert werden; jede Rede von „Reich/Herrschaft Gottes“ scheint fast gleichbedeutend mit menschlicher Herrschaft aufgefasst zu werden. Auch das Wirken des Heiligen Geistes wird von der Autorin durchweg als Chiffre für menschliche Machträume aufgefasst, v.a. als Legitimation für persönliche Autoritätsansprüche (vgl. ihre durchgehenden Warnungen vor dem Apostolischen und Prophetischen, mit dem sich Akteure durchweg selbst legitimieren würden). Charismatisches Christsein lebt aber gerade von der Erfahrung des Heiligen Geistes. Kann man diese Spiritualität angemessen erforschen, wenn man eine reale geistliche Gegenwart nicht in die Überlegungen einbezieht? Auch M. Hinsenkamps durchgehende, kaum begründete Problematisierung von „Spiritualisierung“ und der Wiedergewinnung eines Bewusstseins für die übernatürliche Welt (z.B. bei John Wimber) zeigt an, dass das Forschungsprinzip für ihre Ausführungen schwerwiegende Auswirkungen hat. Hier ist ganz grundsätzlich zu reflektieren: Wie sieht Wissenschaftlichkeit im Bereich der Theologie aus, wenn die Dimension „Gott“ (theos) der Untersuchungsgegenstand ist?

In einer Zeit von Fake-News und Verschwörungstheorien ist es umso wichtiger, faktenbasierte Forschung zu betreiben und Menschen (und Organisationen) nicht willkürlich in Kulturkampf-Lager einzuordnen. Eine übertriebene Assoziationslogik führt zu gesellschaftlichen Prozessen, die die Gräben in unserer gespaltenen Gesellschaft auf unnötigste Weise vertiefen und zu folgenschweren Ächtungsdynamiken führen können. Eine Revision der Ergebnisse zu „KiNC“-Christen ist daher dringend geboten. 

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